Transafrika – Teil 3: Kurdisch-Irak

Zum vorherigen Kapitel samt Grenzübertritt Türkei – Irak: Zwischen Euphrat und Tigris (Ostanatolien)

03.11.2022:
Die ersten Kilometer im Irak überraschen mit popoglatter Autobahn, modernen Shoppingmalls und netten Menschen. Zum Beispiel fahre ich auf halber Strecke in die Stadt Dohuk bei einer Autowaschanlage vorbei. Luxi kann eine Dusche gut vertragen. Der Angestellte fragt ob er helfen kann. „Nein danke!“ (ich tu nämlich sehr gerne Autowaschen 🙂 )
Als ich bezahlen will, lehnt er das ab, wischt dafür das Auto trocken und schenkt mir noch eine Flasche Wasser. „Welcome to Irak-Kurdistan!“
Zurück auf der Autobahn, kommt mir auf der Gegenfahrbahn ein Konvoi mit sandfarbenen, martialisch aussehenden Humvees entgegen. Hinten hat jedes Fahrzeug eine übergroße amerikanische Flagge angebracht. Nanu, ich dachte, die Amis wären schon aus dem Nordirak abgezogen? Wohl falsch gedacht: Z.B. hier.

Die Stadt Dohuk ist recht modern, mit dichtem Verkehr. Mein erster Stop ist ein Falafel-Laden (Suppe, großes Falafel, Salat: zusammen 0,70 €), dann versuche ich eine SIM-Karte zu bekommen. Das ist eine schwierigere Prozedur weil ich keine permanente Adresse hier habe. Schließlich werde ich von der offiziellen Provider-Niederlassung zum Bazar geschickt. Dort gäbe es SIM-Karten ohne Formalitäten. Und tatsächlich ist das so, die Verbindung ist auch sofort verfügbar und richtig schnell.
Im Bazar gibt’s natürlich alles. Und alles spottbillig, siehe Bilder.
Hier ein paar Schnappschuss-Impressionen:

Ich schlendere noch ein bißchen ‚rum, überall werde ich freudig-freundlich begrüßt und sehr zuvorkommend behandelt. Man freut sich offenbar über Besucher. Zugegeben, overtourism ist hier ein Fremdwort. Dabei hat der Nordirak sehr viel zu bieten: Tolle Landschaften, Seen, Berge bis 3600m Höhe. Also fast wie bei uns 🙂

An jeder Straßenecke stehen bewaffnete Soldaten, auch z.B. in Autobahnunterführungen alle paar hundert Meter. Bei den Checkpoints werde ich meist durchgewunken, ab und zu mal will ein neugieriger Soldat nur wissen wo ich denn herkomme.

Am späten Nachmittag fahre ich dann aus der Stadt raus, durch die kurzen Tage muß ich auch heute einen Schlafplatz bei Dunkelheit suchen. Das ist nicht immer ganz einfach.

04.11.2022:
Am nächsten Morgen sieht das dann so aus:

Vögel zwischern, es gibt hier auffallend viele Haubenlerchen.
Das Schild hatte ich gestern in der Nacht nicht entziffern können. Heute Entwarnung: Hier liegen keine Minen, sondern nur eine Pipeline vom nahen Erdöllagerfeld, direkt hinter dem Hügel.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf nach Lalish, das ist ein traditionelles Jesidendorf hier in den Bergen. Mir ist bewußt, dass heute Freitag (also Sonntag) ist und ich mit vielen Ausflüglern rechnen muß. Aber das macht nichts, ich will eh einmal „Leut‘ schau’n“. Da triff es sich gut, dass die sowieso auch im Alltag pipifein gekleideten Irakis heute ihre „Einserpanier“ angelegt haben. Ich bin sowas wie die Attraktion des Tages für die Einheimischen und alle haben wir einen Riesenspass. Da werden Englischkenntnisse zusammengekratzt, manche können neben den beiden Kurdensprachen auch arabisch aber jeder strahlt hier jeden einfach an und da braucht’s nicht viele Vokabel.

Es herrscht eine ausgelassene fröhliche Stimmung, überall wird gepicknickt, Selfies und Fotos werden geschossen und so komm ich auch zu ein paar netten Bildern. Manchmal schüchtern, manchmal stolz werde ich überall sehr herzlich willkommen geheißen und zu Tee und Essen eingeladen. Nicht nur einmal passiert es mir, dass ich beim Spaziergang durch die Gassen wie ein Chinese in Hallstatt plötzlich mitten in einem Wohnhaus stehe, aber die Leute freuen sich 🙂 und wollen mich gar nicht mehr gehen lassen.

Der Ort ist übrigens so heilig, dass man schon beim Ortseingang die Schuhe stehen lassen muss. Barfuß oder nur mit Socken bekleidet heißt es aufpassen dass die zweite wichtige Regel hier nicht missachtet wird: Niemals auf eine Türschwelle steigen sondern darüber hinwegsteigen! Auf den Türschwellen wohnen nämlich die guten Elfen (oder Engel).

Was die dritte Regel hier ist weiß ich nicht – vielleicht: Lächeln!?

Übrigens: Das mit den Schuhen gilt für ausnahmslos alle. Auch z.B. für Bauarbeiter. Die müssen hier barfuß arbeiten.

Am späten Nachmittag treffe ich ein junges französisches Paar, die auch mit eigenem Fahrzeug hier sind. Die ersten anderen Touristen hier. Mit denen geh‘ ich jetzt einen heben. Alkohol ist hier im Irak nämlich erlaubt (Bild aus Dohuk-city):

Zuerst geht’s noch an einer der vielen Ölförderstellen vorbei. Das dabei anfallende Gas wird einfach abgefackelt. In der ganzen Gegend erhellen diese Feuer die Hügel und Täler und verpesten die gute Bergluft in der näheren Umgebung:

Etwa 10 km von Lalish entfernt ist ein netter Picknickplatz mit für irakische Verhältnisse recht wenig Müll und hier stehen die Franzosen und auch ein deutsches Pärchen ist hier. Das wurde dann ein sehr netter, fröhlicher Abend.

05.-07.11.2022:
Am nächsten Morgen sieht das dann so friedlich aus …


… dann taucht ein Jeep mit voll bewaffneten Peschmergas (wörtlich: „Die dem Tod ins Auge schauen“) bei uns auf. Der Chef kann einigermaßen Englisch und er gibt uns das OK dass wir hier übernachten. Er will nur wissen ob wir eh nicht Feuerholz sammeln. Wir stehen in einem schütteren Eichenwald und ich denke die wollen nur nicht, dass man ihnen die Deckung welche die Bäume geben einfach so aufheizt.

Es läuft alles sehr freundlich ab.

Dann wird die Idylle zuerst von erst einzelnen Schüssen, dann längeren Maschinengewehrsalven doch etwas gestört. Es hört sich nach 2-3 Kilometer entfernt an, also nichts aufregendes. Man gewöhnt sich daran, so wie man bei uns zuhause auch nicht aufschreckt wenn ein Jäger im Wald einen Schuss abfeuert. Ob es sich um Gefechtsübungen handelt, ob die PKK hier mit Peschmerga Einheiten kämpft oder die Peschmergas versuchen eine türkische Drohne abzuschießen, können wir natürlich nicht sagen. Wenn es hier gefährlich wäre, hätten uns die Soldaten bestimmt nicht hier stehen lassen sondern gewarnt und/oder verjagt.
Wen das Thema interessiert, hier zwei Links die die etwas unübersichtlichen Beziehungen ganz gut schildern: Link 1 und Link 2

Wir genießen die Gesellschaft anderer Reisender, tauschen Erfahrungen aus (die Franzosen sind seit 2018 auf ihrer Afrikatour und am Nachhauseweg, die Deutschen kommen aus dem Iran, fahren dann aber wieder nach Süden in meine Richtung) und wir kochen gemeinsam.

Ich mach‘ eine kleine Wanderung, aber überall auf den Hügeln sind Peschmergastellungen und ich hab keine Lust, die zu erschrecken wenn ich unvermittelt um eine Ecke biege 🙂

So begnüge ich mich mit einem Spaziergang im Tal wo ein kleiner Bach fließt. Schöne Gegend. Könnte sein, dass ich hier ein paar Tage bleibe.
Ich finde Stachelschwein Stacheln…
Stachelschwein

… gestern habe ich schon einen Fennek (Wüstenfuchs) gesehen, die Franzosen einen Schakal.
Ein Steinadler kreist über uns.
Heute ist Ruhetag, es wird nicht geschossen. Ich schraube ein bisserl am Auto rum und genieße die warmen Tage (knapp 25 °C, nachts um die 10 Grad).

Alle paar Tage taucht ein Schäfer mit seinen Ziegen, Schafen und Eseln auf, manche Ziegen haben irre lange Ohren:
Langohrziege
Esel

Die netten Deutschen sind dann abgereist, die netten Franzosen Marion und Anatol bleiben aber noch da und ich kann sie überreden auf eine Wanderung mitzukommen. Die Soldaten sind abgezogen – die Luft scheint rein.
Es wird eine wunderbare Wanderung, über Stock und Stein. Nur manchmal finden wir Ziegenpfade. Ich bewundere Anatol, der mit afrikanischen Flip-Flops aus alten Autoreifen geht als würde er so wie ich in Wanderschuhen stecken.
Die Gegend ist knochentrocken, ein Wunder dass sich hier die Bäume halten können.

Adler kreisen, einen großen Schakal können wir wunderbar beobachten bevor er – mit einem letzten Blick über seine Schulter zu uns her – über eine Geländekante verschwindet.

Hier ein paar Bilder. Bei der Blume handelt es sich höchstwahrscheinlich um Safran-Krokus, der hier wild wächst. Für den in der Küche verwendeten Safran werden nur die rotgelben Blütengriffel verwendet, deshalb ist er so teuer.

100 Meter unterhalb des Übernachtungsplatzes gibt es einen kleinen Pool. Das Wasser hat gefühlt 17 oder 18 Grad, aber die Erfrischung nach der schweißtreibenden Wanderung ist herrlich!

Abends werfen wir unsere allerletzten Vorräte zusammen, kochen und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

Dann aber eine Hiobsbotschaft: Der Irak erlaubt seit kurzem keine Inlandsflüge mehr für Leute die mit dem eigenen Fahrzeug eingereist sind. Das gefährdet meine gesamten Pläne, ich würde dann hier feststecken wenn ich nicht über den Iran fahren kann/will. Alle anderen Wege in den Süden sind mir dann verschlossen.
Die beiden anderen Pärchen betrifft das nicht, sie sind vom Süden her gekommen und haben das Visum für den „eigentlichen“ Irak deshalb schon im Pass.
Merde!
Ich hab zwar noch eine Idee die vielleicht (!) funktionieren könnte. Die kann ich aber jetzt noch nicht verraten, hier lesen zu viele mit.

08.11.2022:
Heute Morgen fährt das Pärchen Marion und Anatol weiter, sie sind nach ihrer Afrikaumrundung auf dem Weg in die Türkei und dann nach Hause, nach Frankreich.
Auch ich breche am Nachmittag auf.
Erster Stop sind die Felsreliefs von Khenis / Khinnis, leider offensichtlich durch Schatzjäger (oder den IS?) teilweise zerstört.

Sobald ich mich von den Bergen Nord-Kurdistans Richtung Südosten wegbewege wird die Landschaft wüstenhafter, nur vereinzelt quere ich auf der Autobahn Flüsse, die von diesen Bergen Richtung Süden fließen. Zum Teil führen sie – erstaunlich um diese Jahreszeit – relativ viel Wasser, auch wenn sie das oft sehr breite Flussbett bei weitem nicht ausfüllen.

Die Fahrbahn ist weiterhin ausgezeichnet, es gibt hier keine militärischen Checkpoints. Nur kurz vor der Stadt Erbil werde ich mal nach dem Pass gefragt.
Ab und zu muss man mit halsbrecherisch-rasantem Gegenverkehr auf dem Pannenstreifen rechnen:

Erbil ist die Hauptstadt der autonomen Provinz Kurdistan und wächst mit atemberaubendem Tempo. Durch die gute Sicherheitslage siedeln sich Firmen bevorzugt hier an. Übrigens fliegt Austrian direkt 10mal (!) pro Woche von Wien nach Erbil.

Ich komme also in der sehr modern wirkenden Stadt an…

… tanke Wasser und suche mir erstmal einen Parkplatz in einer ruhigeren Wohngegend. Der ist schnell gefunden.

In der Nähe gibt es jede Menge Barbiere, alle luxuriösest ausgestattet und sehr geräumig:

Auch für die Autos wird hier einiges getan, überhaupt ist Luxi wohl bei weitem das älteste Auto der Stadt. So viele so große SUVs hab‘ ich überhaupt noch nirgends gesehen, glaub‘ ich.

Es gibt auch einen Supermarkt wo ich endlich mal mit allem möglichen aufstocken kann, unter anderem mit richtig guten Haferflocken. Es fühlt sich an wie zuhause einzukaufen. Die Preise für Importware sind etwa so wie bei uns. Alles andere kostet ca. 1/3 des Preises in Mitteleuropa.

Ich hab‘ ein gutes iranisches Restaurant gefunden, da wird erstmal gut gefuttert …

… dann geht’s ins christliche Ausgehviertel, wo laut der wenigen verfügbaren Informationen in Bars Alkohol ausgeschenkt wird. Erst in den nächsten Tagen sollte ich herausfinden, wo in Erbil der Bär wirklich steppt.

Was ich nicht erwartet hätte: Im Irak gibt es Kirchen und Marienstatuen:

09.11.2022:
Nachdem die beiden Deutschen die ich bei Lalish getroffen habe gestern Abend auch in die Stadt gekommen sind (sie machten in den letzten Tagen eine kleine Runde durch Nordkurdistan), spielen wir heute gemeinsam „Tourist“ und erkunden die Altstadt von Erbil. Zuerst geht’s auf die Festung der Stadt, wo es u.a. auch ein kleines Teppichmuseum gibt, dann stürzen wir uns ins exotische Gewühl des Bazars wo man immer wieder sehr nette Begegnungen mit den einheimischen Kurden hat, oft in traditionelle Tracht gekleidet. Ich genieße das seeeehr!

In der Zwischenzeit habe ich das Aussenministerium sowie die Botschaft in Amman (zuständig auch für den Irak) und den irakischen Botschafter in Bagdad ein bisserl auf Trab gehalten, telefonisch, per Email und auch per Skype. Die Damen und Herren sind erst allesamt sehr bemüht, im Endeffekt können / wollen sie nix für mich machen wegen des Visums für den eigentlichen Irak:

Ist mir eh klar, dass die abraten MÜSSEN. Alles andere wäre angesichts der offiziellen Aussenministeriums-Warnungen ja in Widerspruch dazu. Ich hatte auf einen telefonischen, inoffiziellen, heißen Tipp gehofft, wen ich bei er irakischen Regierung bezüglich des Visums kontaktieren könnte.
Na ja. Das heißt also: ich bin auf mich allein gestellt.

Nach der Stadtbesichtigung klappere ich in der Neustadt ein paar Reisebüros ab. Die Leute dort sind – wie praktisch ausnahmslos alle Kurdistanis – extrem freundlich und hilfsbereit, können mir aber auch nicht weiterhelfen. Im Gegenteil: Diejenigen die mit der Situation Erfahrung haben, raten mir ab es zu versuchen. „There isn’t much point trying my friend, they won’t let you aboard the flight from Erbil, because you entered Iraki-Kurdistan with your car.“
Jetzt ist Zeit, meinen Plan B auszupacken, denke ich. Aber zuvor möchte ich es zumindest probiert haben. Ich stopfe alles notwendige für ein, zwei Tage in meinen kleinen Rucksack und lasse mich von einem Taxi zum Flughafen bringen. Dort will ich ein Ticket kaufen und dann sehen wir weiter.

Ich beschreibe hier die Details zum Flug weil ich weiß, dass einige Overlander hier mitlesen. Wen es nicht so genau interessiert, der scrollt einfach weiter nach unten 🙂

Der Airport von Erbil ist gesichert wie Fort Knox. Es gibt schon einige Kilometer vor dem eigentlichen Flughafen einen Checkpoint wo das Auto samt Gepäck mit Hunden durchsucht wird, natürlich wird man auch persönlich nach Waffen durchsucht. Das klingt unangenehmer als es ist, alles geht professionell-freundlich vor sich und jeder ist froh über die Sicherheitsvorkehrungen, solange damit Schlimmes verhindert wird.

Dann geht’s zu einem vorgelagerten modernen weiteren Check-Gebäude und da ist erstmal Schluss für mich. Es gibt hier keinen Schalter einer Fluggesellschaft. Ohne Ticket kommt man aber nicht weiter.

Also umdrehen, per Taxi zum nächsten Reisebüro und einfach ein Ticket für den nächsten Flug heute abend geholt. Wenn ich nicht durchkomme auch egal, dann hab‘ ich das Geld halt in den Wind geschossen. Mein Glück, dass ich hier den mit Abstand günstigsten Preis für den Flug bekomme. Nur 88 US$. Na, da ist echt nix verhaut.

Also zweiter Anlauf.
Diesmal komme ich durch die Hürde beim Check-Gebäude, von wo es per Shuttlebus weitergeht zum eigentlichen, sehr modernen Flughafen.

Ich versuche einen self-check-in am Automaten, die Dinger funktionieren aber nicht. Mist. Ich möchte natürlich so wenigen Leuten wie möglich mein Kurdistan-Visum zeigen um so viele Hürden wie möglich zu nehmen.

Der manuelle Check-in am Schalter läuft aber auch so problemlos, ich bekomme meine Boardingkarte. Ist damit alles schon erledigt? Das wäre ja zu schön!
Nix da. Jetzt geht’s zur Passkontrolle. Auch hier: Puh, kein Problem.
Dann nochmal ein letzter Check. Vor mir ist eine Familie auch Tschechien, die sind per Rucksack unterwegs. Ich stelle mich hinter denen an. Vielleicht flutsche ich so mit durch, denn die sind ja offensichtlich nicht per Auto eingereist.
Denkste! Mein Pass wird gaaanz genau angeschaut, gedreht und gewendet. Minutenlang studiert und durchgeblättert. Dann ein Unteroffizier hinzugezogen. Der überlegt und sagt, ich soll mal mitkommen. Aaaaaaarghhhh! So weit geschafft und jetzt ist alles aus? Das darf doch nicht wahr sein. Die gesamte Reise hängt nun am seidenen Faden.
„Mein“ Unteroffizier führt mich in einen Raum, wo jede Menge hochrangiger Offiziere vom Leutnant aufwärts sitzen. Er salutiert vorschriftsmäßig und legt einen sauberen Stechschritt hin um damit den Raum zu betreten. Der Oberste hier winkt ihn gnädig heran und dann mache ich instinktiv etwas, womit hier wohl niemand gerechnet hat: Ich lege einen strammen Salut hin und schlage die Hacken zusammen. Meine guten Lederschuhe knallen leider nicht wie Soldatenstiefel, daher schicke ich stattdessen ein kräftiges „Salaam aleikum!“ hinterher.

Alle Gespräche verstummen und die Offiziere drehen sich zu mir um.

„Are you a soldier?“ fragt mich einer von ihnen.
„Nein“, antworte ich. „Aber ich war früher bei der Garde. Da brauchten die so große Leute wie mich. 1,90m Mindestgröße. Und wir haben in Wien am Flughafen immer stehen müssen, wenn Staatspräsidenten angekommen sind.“ Die Lüge ist natürlich unverschämt aber ich denke mir, egal – vielleicht imponiert das.
Und genau so ist es: Allgemeines Schmunzeln, der Obercapo flüstert meinem Unteroffizier wohl irgendsowas wie „Passt schon!“ zu und mit einer lässigen Handbewegung werden er und ich mit ihm entlassen.

Innerlich juble ich. Das Gate öffnet sich und ich bin durch. Auf zum Boarding, yeah!

Bis auf eine kleine Verspätung verläuft der Flug ereignislos. Erst nach Mitternacht komme ich in Baghdad International Airport an. Und dann folgt der eigentliche Sinn der ganzen Übung: Ich hole mir hier das für den weiteren Teil der Reise so enorm notwendige Visa on arrival. Vom Iran kommend hätte ich das an der Grenze bekommen, aber der Iran ist momentan eben keine Option für mich, obwohl ich dieses Visum ja schon seit Istanbul in der Tasche habe. Ich hab‘ keine Lust Staatsgeisel zu spielen, die iranischen Gefängnisse sind berüchtigt. Eine fingierte Anklage ist sehr, sehr schnell zusammengeschustert. Beliebte Vorwände sind: Man wäre in einer (ungekennzeichneten) „restricted area“ unterwegs gewesen, oder man hätte auf einer Erdgasleitung geparkt. Mehr braucht’s nicht und man sitzt tief in der … äh … Joghurt.

Ich warte also bis sich der zuständige Offizier hier am Flughafen von Bagdad dazu bequemt zu erscheinen. Mittlerweile ist es 1 Uhr nachts. Ein Zettel ist auszufüllen, Reisepass und 75 Dollars in bar zu übergeben und dann heißt’s nochmal warten.
Niemand hat sich die wahnsinnig große Mühe gemacht, das alte Schild mit den nicht mehr gültigen Preisen abzuhängen und stattdessen das aktuelle Schild zu montieren. Sowas gäb’s in Kurdisch-Irak bestimmt nicht:

Schließlich ist es so weit: Ich habe das begehrte Stück Papier im Pass. Noch nie habe ich für ein Visum einen solchen Aufwand betreiben müssen.

Sodala, jetzt nix wie in ein Taxi hüpfen und zum gebuchten Hotel fahren, dann ausschlafen und noch ein bisserl Bagdad anschauen bevor ich abends oder am nächsten Tag nach Erbil zurückfliege. Das ist der Plan.
Aber um halb drei Uhr nachts sind nur noch 2,3 Taxifahrer hier und er erste verlangt für die 25 km Fahrt 100 US$. „Guter Mann“, sage ich, „ich will Dein Taxi nicht kaufen, Du sollst mich nur fahren.“
Keine Chance. Natürlich verlangen die anderen haargenau den selben Preis. Nun bin ich zwar durchaus bereit einen Nacht- und von mir aus einen Ausländeraufschlag zu bezahlen. Aber was zuviel ist ist zuviel, da bin ich stur. Da geht’s mir um’s Prinzip.

Ich schau mal wann der nächste Flug zurück nach Erbil geht und siehe da: 11:30 Uhr. Wenn man check-in Zeit usw. einrechnet, sind das nur etwa 6 Stunden die ich zu überbrücken habe. Die Taxifahrer schauen blöd drein als ich’s mir auf einer der gar nicht ungemütlichen Sitzgruppen bequem mache und erstmal das Hotel storniere und den Flug Bagdad – Erbil online buche (das ist eine andere Fluggesellschaft, da geht das) um dann meinen müden Kopf auf den Rucksack zu betten.

Dann sehe ich mir Bagdad eben ein paar Tage später an, wenn ich mit dem Luxi wieder vorbeikomme.
Kein Problem, ihr unrasierten Halsabschneider!

10.11.2022:
Alles läuft glatt, ich fliege zurück nach Erbil. Der Pass wird vor dem Abflug nicht gestempelt, denn jetzt gilt das ja als Inlandsflug.

Ein letztes mal noch leichtes Herzklopfen als nach der Ankunft in Erbil mein Pass genauestens studiert wird und für etwas Verwirrung sorgt weil ich erst heute in Bagdad angekommen bin und jetzt schon wieder in Erbil auftauche. „Do whatever you want“, sage ich zum Einreisebeamten und seiner zur Konsultation hinzugezogenen Kollegin, „but please do not ever stamp my visa. After all, I came on a local flight!!“ Das wäre ja eine schöne Bescherung, wenn mir die jetzt einen Stempel in den Pass knallen und damit das Einreisevisum wieder ungültig machen.
Aber alles ist gut, ich kann das Mißverständnis aufklären und bekomme den Pass ungestempelt zurück: „Welcome to Kurdistan!“

Per Taxi zum vernünftigen Preis (3,50 €) die 5 km zurück zu Luxi und erstmal durchschnaufen und duschen. Dann im iranischen Restaurant „Hamdel“, das mir über die nächsten Tage zum zweiten Wohnzimmer und Büro wird, ordentlich brunchen. Das hab‘ ich mir jetzt redlich verdient.

Nicht nur bei der persischen Familie die das Restaurant führt bin ich mittlerweile Stammgast. Auch der Besitzer des vermeintlich öffentlichen Parkplatzes ist über die vergangenen Tage fast zum Freund geworden. Hassan ist Geoingenieur, ich stehe auf seinem (ungekennzeichneten) Firmenparkplatz und wir plaudern täglich. Er spricht hervorragend Englisch und fragt mich immer ob ich irgendwas brauche, ob er behilflich sein kann. Ich will ihn zum Essen einladen aber das kommt für ihn gar nicht in Frage. Im Gegenteil: Er trifft sich jeden Donnerstag mit ein paar Freunden und ich soll doch heute abend mitkommen. Erst ziere ich mich (letzte Nacht kaum geschlafen usw.) aber er insistiert. Na gut denke ich. Donnerstag ist eh Herrenabend. Wir verabreden uns für den frühen Abend, er holt mich dann ab.
Zuvor will ich aber unbedingt noch eine Runde laufen, nach all dem Herumsitzen und Fliegen. In einer wahnsinnig hippen Gegend stoße ich auf eine modern aussehende Zahnklinik. Ich bekomme sofort einen Termin, ein Zahn macht mir seit ein paar Tagen Probleme.

Die Klinik ist relativ neu und sowas von hygienisch, ich hab‘ etwas vergleichbares noch nie gesehen. Gefühlt dutzende AssistentInnen wischen und desinfizieren, tauschen nach jeder Berührung die Instrumente aus usw. usf.
Geführt wird die Klinik von sehr jungen, höchst motivierten Dentisten. Es gibt für jedes Problem eigene Spezialisten. Mein Zahn wird ein halbes Dutzend mal von allen Seiten geröngt und das Problem analysiert, anschließend gelöst und eine Mundhygiene gemacht. Ich bekomme noch schriftlich Tipps zur Nach- und Vorsorge. Falls es nicht besser wird soll ich am Montag wiederkommen. Kostenpunkt für alles: 35 US$. Passt.
Eine Keramikkrone käme hier übrigens – ich hab nur interessehalber gefragt – auf 150 bis 200 US$.

Dann noch der Herrenabend. Das Restaurant darf kein Bier ausschenken, man müsste für Alkohol in eine eigene Bar gehen aber wir haben’s auch so sehr lustig.
Alle sprechen sehr gut Englisch, neben dem Geologen Hassan haben wir einen Achmed der als IT-Techniker für UNICEF arbeitet, Mohammad ist selbständig (hab‘ Details vergessen), Mahmoud ist Arzt bei der UNO, der zweite Ahmed wird von allen gehänselt weil er „nur“ Autoimporteur ist.
Danach bin ich streichfähig.

Nein, ich lass mir nicht auch einen Bart wachsen!

11.-13.11.2022:
Die Tage vergehen mit Besorgung der Visums für Saudi-Arabien (problemlos online möglich), Autoversicherung abschließen, Blog updaten und täglichen langen Spaziergängen durch die Stadt.

Immer wieder habe ich nette Begegnungen mit den Menschen hier (Ton einschalten! 😉 ):

Das Gas das ich zum Kochen, Heizen und für den Warmwasserboiler brauche geht nach 2 1/2 Monaten Reise zur Neige. Gasflaschen gibt’s buchstäblich an jeder Straßenecke aber es ist gar nicht leicht jemanden zu finden, der mir die eigene mitteleuropäisch-exotische Gasflasche auffüllt. Die Anschlüsse sind völlig anders als bei uns.
Mit Hilfe eines sehr netten und kundigen Einheimischen finde ich die Straße wo „ein Gasmann“ das macht. Immer wieder eine spannende Sache, vor allem da direkt neben dem zischenden Gas gerne geraucht wird.

Erbil hat relativ unterschiedliche Stadtviertel. In einigen ist es wie in Topstädten Europas: supermodern und stylish, mit glitzernden Shoppingmalls wo man praktisch alles bekommt.
Abends steppt hier der Bär.

Andere Viertel sind orientalisch geprägt, mit kleinen Verkaufsläden wo man noch einzelne Schrauben bekommt, Obst- und Gemüseständen und Mini-Werkstätten wo gehämmert, gedrechselt oder ein Teppich geendelt wird.
Viele Restaurants und Geschäfte haben 24 Stunden geöffnet, 7 Tage die Woche!
Ab und zu wird auch geschmuggelter Sprit am Straßenrand verkauft:

Überall ist es staubig, wegen der vielen Baustellen erscheint die Stadt irgendwie unfertig. Mit sich plötzlich auftuenden riesigen Löchern am Gehsteig – so dieser vorhanden ist – muß man jederzeit rechnen und bei Straßenquerungen rennst du buchstäblich um dein Leben. Die Stadt ist völlig auf Autos zugeschnitten, nicht auf Fußgänger. Jede/r fährt mit dem Auto überall hin, weiter als 300 Meter geht man einfach nicht zu Fuß. Der Verkehr ist entsprechend dicht und chaotisch. Regeln gibt es kaum, es zählt das Recht des Stärkeren.
Ach ja: Eine Autoversicherung ist nicht Pflicht, die wenigsten haben eine und im Schadensfall muss man sich mit dem Unfallgegner halt irgendwie einigen. Gänzlich ohne Schuld ist bei diesen wilden Verkehrsmanövern sowieso niemand 🙂

Die zahlreichen Stromausfälle (von wenigen Sekunden bis zu einer Viertelstunde habe sogar ich in den paar Tagen das oft erlebt, die Einheimischen meinen es wäre derzeit gar nicht schlimm) zwingen jedes Haus, jedes Viertel dazu eigene große Stromgeneratoren zu betreiben.

Die Große Moschee sieht bei Tag und bei Nacht gut aus:

Innerhalb der Stadt gibt es keine Kontrollen, keine Checkpoints oder dergleichen.
Einzig die Verkehrspolizei kämpft ihren aussichtslosen Kampf gegen den Verkehrswahnsinn.

14.11.2022:
So aufregend, cool und manchmal exotisch Erbil auch war, ich muß raus aus der Stadt. Ein paar Tage Ruhe und saubere Luft werden mir guttun.
Ich fahre weiter nach Osten, durch trockene aber doch baumbewachsene, schöne Hügellandschaften:

Im Winter kann’s hier richtig viel Schnee haben.

Arme Ziege, wartet im Angesicht ihrer bereits geschlachteten Verwandten auf ihr Schicksal:

Nette Begegnung mit einem Schulbus voller begeisterter Kinder: „Hello, what’s your name?“

Dann werden die Berge höher, eine ganze Kette schiebt sich in den Weg. Schön anzuschauen…

Instinktiv biege ich genau richtig ab. Eine Rumpelpiste führt mich zu einem wunderbaren Aussichts- und Schlafplatz oberhalb eines großen Stausees. Mit so viel Wasser hab‘ ich mir den Irak gar nicht vorgestellt – von wegen nix als Wüste:

Nur ein alter Schäfer auf seinem Esel zieht mit einer Herde Schafen und Ziegen vorbei, eine sehr junge Eule flattert und hüpft unbeholfen ums Auto, dann bin ich alleine. Ach, tut die Ruhe gut! Ich höre nur die Schakale.
Kein Muezzin wird mich morgens um 5 Uhr aus dem Schlaf reißen und mir erzählen wollen, Beten sei besser als Schlafen.

Die Berge im Hintergrund bilden die Grenze zum Iran.

15.+16.11.2022:

Es gibt von diesen Tagen nicht viel zu berichten. Ich mache lange Spaziergänge, beobachte die vielen Vögel (Grau- und Kuhreiher, usw.) und bringe Luxi ein wenig auf Vordermann. Am Mittwoch kündigt sich ein Wetterumschwung an, es wird bewölkt und sieht ein bisserl nach Regen aus. Ich packe zusammen und fahre zwischen der zuvor erwähnten Bergkette und dem See Richtung Südosten. Diese Nebenstraße ist schlaglochübersät und in den Ortsdurchfahrten muß man auf die Gänse Achten, die haben Vorrang.

Dann windet sich die Straße spektakulär erst in ein tiefe Schlucht …

… um sich dann auf der anderen Seite in Serpentinen auf 1200 M.ü.M. hochzuschrauben. Luxi schnauft zum Teil im ersten Gang.
Früher gab’s mal eine Fähre, die diesen Abschnitt auf dem See umschiffte, leider ist diese Verbindung eingestellt oder es gibt sie nur im Winter, wenn es über den Paß zu gefährlich wäre.
Kurz danach beginnt es zu regnen, Allah sei Dank dass das nicht bei der steilen Abfahrt war. Luxi kommt bei nasser Fahrbahn durch das geringe Gewicht auf der Vorderachse gern mal ins Rutschen…
Auf der Schnellstraße ist das aber alles kein Problem und ich rolle problemlos nach Suleimanyia – oder Slemani wie man sie meistens nennt -, der zweitgrößten Stadt Irakisch-Kurdistans.

Die Stadt ist wesentlich ursprünglicher als Erbil. Hier ist wenig ist auf Englisch angeschrieben, auch sprechen es viel weniger Einheimische. Fairerweise muß man sagen, dass die meisten neben Kurdisch-Sorani auch Kurdisch-Kurdmandschi (zwei völlig verschiedene KUrdensprachen, sogar mit unterschiedlicher Schrift), Arabisch und manchmal auch Farsi (iranisch, die Grenze ist sehr nah) sprechen. Da kommen dann nochmal weitere Schriftarten dazu.
Wer dann zusätzlich auch noch Englisch kann, hat meinen höchsten Respekt.

Ich treibe mich auf dem Basar herum und bin dort wohl der einzige Europäer. Manchmal komme ich mir vor auf einer Zeitreise. Eigentlich wie Karl May in seinem „Durch’s wilde Kurdistan“, nur war er ja bekanntlich niemals wirklich hier. Es riecht exotisch und die fremdartigen Trachten und Gebräuche tun ihr übriges um mich ganz in diese fremde Welt eintauchen zu lassen. Mir taugt dieses Abenteuer 🙂
Die Menschen sind ausnahmslos alle extrem freundlich und spaßen gerne. Kurden eben.

Nicht alles ist eitel Wonne. Man sieht viele sehr arme Menschen. Alte Leute, die ihr Leben damit fristen müssen am Markt einzelne Plastiktüten oder Taschentuchpackungen zu verkaufen, andere zünden in einer alten Tonne Styroporreste an um sich zu wärmen. Wer nichts gelernt hat, schuftet sich als Lastentransporteur ab …
Müll ist sowieso überall, daran habe auch ich mich schon gewöhnt.
Einige Eindrücke aus der Stadt:

17.11.2022:

Ein anderes trauriges Kapitel ist die langjährige Verfolgung der Kurden. Es gibt hier ein sehr eindrückliches Museum, welches ich heute besuche. Auch hier freut man sich sehr über ausländische Gäste.
Ganz furchtbar waren die Genozid-Giftgasangriffe 1988 durch Saddam Hussein’s Baath-Soldaten auf kurdische Dörfer und Ortschaften. Hunderttausende starben durch Fliegerbomben mit Senfgas und Sarin: Männer, Frauen, sehr, sehr viele Kinder. Saddam’s Cousin „Chemical Ali“ war berüchtigt.
Ich will hier nicht ins Detail gehen. Manche/r wird sich vielleicht noch dunkel an die Nachrichten aus dieser Zeit bei uns erinnern. Wen es interessiert, findet dazu und zu den furchtbaren Ereignissen 1991 beim Aufstand der Kurden im Irak jede Menge Videos auf Youtube bzw. sonst viele Infos im Netz und z.B. auf Spiegel.de.

Natürlich geht es in diesem Museum auch um den bis heute andauernden Kampf der Kurden gegen den sogenannten „Islamischen Staat“. Bei uns hat man schon fast vergessen oder verdrängt, dass es die kurdischen Peschmerga und die YPG waren, die den IS in der Region (Irak, Syrien) gestoppt haben und die auch heute noch – während ich das schreibe – gegen diese kämpfen. Siehe z.B. hier, das ist aus 2020 aber noch immer aktuell.

Diesmal ziemlich viel Lesestoff für Interessierte. Sorry, z.T. auch harte Kost. Es gehört für mich halt auch zum Reisen dazu, mich über die politische Situation bzw. schwierige Gemenelage zu informieren. Wer vom p.t. Publikum das nicht will, muss es ja nicht lesen … 😉

DIESER BEITRAG WIRD DERZEIT LIVE BEARBEITET !!!

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Zum nächsten Kapitel: Irak – ein Land im Krieg

Die folgende Karte beinhaltet die bisherigen Fahrten (lt. GPS-Aufzeichnung).
Aus Sicherheitsgründen wird im Irak die letzte Position bewusst nicht publiziert, sondern nachgetragen wenn ich schon wieder weitergefahren bin.
Die Karte ist zoom- und verschiebbar.