Transafrika – Teil 4: Zentral- und Südirak

Zum Kapitel 1 mit allgemeinen Überlegungen zur Routenwahl, Griechenland und Westliche/Zentraltürkei: Transafrika: Ein Versuch
Zum Kapitel 2: Transafrika – Teil 2: Türkei zwischen Euphrat und Tigris
Zum Kapitel 3: Transafrika: – Teil 3: Nordirak (Kurdistan)

18.11.2022:

Der Tag beginnt mit ganz schlechten Nachrichten für Kurdistan:
Iraqi Kurdistan is at risk of invasion by Turkish forces from the north and Iranian forces from the east (siehe v.a. ab etwa der ersten Hälfte der Artikels)

Das ist aber nicht der Grund, warum ich heute morgen Suleimaniya verlasse: Ich habe die Zeit hier genossen, aber ich will weiterziehen. Es geht wieder Richtung Süden.
Die letzten nebelverhangenen Berge bleiben bald hinter mir …

… und dann quere ich ein weites Tal. Ist das schon die Grenze zum eigentlichen Irak?

Es gibt keine Schilder, aber ein Indiz ist, dass die Checkpoints der Militärs plötzlich häufen.

Die Strasse wird zum Teil grottenschlecht, es ist ein mühsames Vorwärtskommen, oft geht’s nur im Schritttempo.

Es folgt ein Spießrutenlauf der sich bis in die Nacht zieht. Wie zuvor schon erwähnt, hält das Militär die Hauptverkehrsrouten tagsüber einigermaßen sicher, nachts sieht die Sache anders aus. Eigentlich sollte man wegen der Gefahr durch den IS zum Sonnenuntergang in einer der sicheren „Inseln“ sprich Städte sein, doch ich schaffe es heute wegen der oft stundenlangen Checks nicht nach Bagdad.
Bei diesen Checkpoints lächle ich wie ein Chinese auf Steroiden. Ich bin freundlich, versuche mit meinem wenigen Arabisch ein wenig Smalltalk um die Stimmung aufzulockern und lächle, lächle. Gute Miene zum bösen Spiel machen. Es nutzt nur selten etwas, meist werde ich stundenlang aufgehalten, der Rekord liegt bei 3 Stunden plus x an einem einzigen Checkpoint, bis wirklich alle – inkl. der Vorgesetzten am Telefon – restlos davon überzeugt sind, dass meine Papiere tatsächlich in Ordnung sind. Wenn jemand gerufen wird „der Englisch kann“, dann beschränkt sich das in den allermeisten Fällen auf ein radebrechendes, kaum verständliches etwas, das mit viel gutem Willen gerade noch so als Englisch durchgeht.
Dann kommt nach 2 bis 5 Kilometern der nächste Checkpoint.

Zwischen den Checkpoints wiederum befinden sich in manchen Abschnitten alle paar hundert Meter schwer befestigte, aufgeschüttete kleine „Burgen“, wo hinter den gestapelten Sandsäcken Maschinenpistolen und Panzerfahrzeuge zu sehen sind. Das ist ein irrer Aufwand, der hier betrieben wird. Es wird aber scheinbar nötig sein, das Land ist in manchen Gebieten immer noch im Krieg …

Die nervenaufreibenden Checks sind echt mühsam und somit ist das einer der wenigen Tage der Reise bisher, auf die ich gerne verzichtet hätte.
Da vergönne ich diesen mich so piesackenden Soldaten doch von Herzen, dass sie unter ziemlich erbärmlichen Bedingungen Dienst schieben müssen. Hier die Sanitäranlagen, wo ich während der Wartezeit meinen Wasserkanister fülle:

Das Problem ist natürlich, dass der sogenannte IS besonders in der Gegend die ich gerade durchquere wieder bzw. noch immer recht aktiv ist.
Dieser Konvoi aus Lastfahrzeugen rostet aber offensichtlich schon seit Jahren vor sich hin: Was müssen sich hier für Dramen abgespielt haben!?

Abends werde ich dann von Militärs zu einem Hotel gebracht, wo ich davor (!) auf der Straße übernachte. Was das bringen soll erschließt sich mir nicht, beim Checkpoint selbst will man mich auch nicht haben. Verantwortung abschieben heißt das Spiel.

19.11.2022:
Es war eine kurze, unruhige Nacht für mich und der nächste Tag beginnt wie der gestrige geendet hat: Militärkontrollen ohne Ende. Dazu über hunderte Kilometer Dreck wohin das Auge blickt.

Immer wieder fühle ich mich sehr an den Verkehr in Indien erinnert. Gleich chaotisch, rücksichtslos, unberechenbar. Nichts für schwache Nerven.

Inseln der Sauberkeit inmitten des Wahnsinns sind die Tankstellen. Hier ist alles geregelt, bei der Einfahrt wird das Kennzeichen in ein Computersystem eingetragen und dann muß man um den Preis für Diesel feilschen. Weil mein Kennzeichen „nicht ins System passt“ bezahle ich 50 % Aufschlag, also 600 Irakische Dinar (0,42 €) statt 400 IQD (0,28 €). Ist mir heute schon egal, hab keine Energie um noch lang zu streiten.
Währenddessen stellen sich die Einheimischen hier um Kerosin (?) an, mit dem sie wohl heizen. In Schubkarren werden die Kanister nach Hause gefahren.

Gleich nach der Tankstelle dann wieder der übliche Müll neben der Straße.

Beim Checkpoint nördlich von Bani Sadr ist plötzlich Schluss für Fahrzeuge über 2,5 Meter Höhe – irgendwo müssen die LKW von mir unbemerkt abgebogen sein. Hinweisschilder gibt’s schon lang nicht mehr, schon gar nicht auf Englisch. Ich drehe um, folge laut Navi einer Hauptstrasse, die mich in eine extrem unheimliche Gegend führt. Plötzlich Totenstille, kein Mensch weit und breit. Zerschossene Häuser, die Straße kaum erkennbar unter Schutt und Abfall. Es wird mir unheimlich – was ist hier los? Wieso rührt sich keine Maus?
Kurz bevor ich umkehre (bin ich ein leichteres Ziel wenn ich jetzt stoppe oder ist es eh schon egal weil ich hier sowieso nur langsam fahren kann?) finde ich eine Seitenstraße die mich wieder Richtung Autobahn führt. Dahinter sehe ich eine Höhenbegrenzung. Egal jetzt – einfach hin und wieder in die Nähe von Menschen und Verkehr. Auf der anderen Seite der Absperrung ist (natürlich) Militär zu sehen und ich hupe wie wild, damit mich die Soldaten wahrnehmen.
Die wollen natürlich erstmal meinen Paß sehen aber ich bin erleichtert aus diesem spooky Viertel raus zu sein, die Kontrolle macht mir jetzt gar nichts aus.
Ich fahre hier nicht mehr zurück, dann lieber mit Sandblechen und Steinen die Höhenbegrenzung umfahren. Aber Luxi hat noch einen weiteres As im Ärmel: Ich lasse das Luftfahrwerk ganz herunter und mit Millimeterarbeit schlüpft der Wohnaufbau unter dem Querbalken durch:

Was den Müll betrifft, kommt das schlimmste jetzt. Obwohl ich im Leben schon einiges gesehen habe (und da meine ich jetzt nicht den Irak): Die Abfallberge in den Vororten von Bagdad sind so unbeschreiblich, ich versuche es gar nicht erst. Das Elend dort ist un-menschlich, un-tierisch. Und trotzdem versuchen die Ärmsten hier, den allerletzten Resten noch ein klein wenig Leben abzuringen. Die Ziegen fressen den Plastikmüll und es stinkt erbärmlich.
Ich habe aus Pietätsgründen keine Bilder gemacht.

Gegen Mittag komme ich nach Bagdad.

Weil’s fast am Weg liegt, sehe ich mir das Märtyer Monument an, ich darf aber nicht aufs Gelände weil grad die Armee da ist und auf dem sehr weitläufigen Areal irgendwas übt.

Der Verkehr ist heute (Samstag) erträglich, dann stelle ich Luxi auf einem bewachten Parkplatz ab.

Hier hab‘ ich jede Menge Platz wie man sieht, gratis Strom und Wasser. Ich kann ich mich ausruhen und jederzeit zurückziehen. Die Securities sind wahnsinnig nett hier, das Menü im nahen Restaurant ist allerdings etwas schwierig zu lesen.

20.11.2022:

Ich beschließe, per Sammeltaxi in die Stadt zu fahren. An der Haltestelle treffe ich Farez, einen Iraki der – Zufälle gibt’s – in Salzburg 2 Jahre Jus studiert hat und ganz gut Deutsch spricht.

In der Nähe des christlich-jüdischen Viertels springe ich aus dem heruntergekommenen Taxi und gehe die paar hundert Meter zu Fuß zum Immigrationsbüro, bei dem ich mich laut Visum nach 10 Tagen melden muss. Der Weg dorthin ist allerdings ein Hürdenlauf: Immer wieder sind Straßenzüge die zu Kirchen führen durch hohe Betonwälle abgeriegelt. Ich komme mir vor wie in Beirut oder Dublin.

À propos: Hier ein Link zu einem kürzlich erschienenen Beitrag des SRF (gibt’s auch als Podcast).

Endlich nach Umwegen beim Immigrationsbüro angekommen, erfahre ich dass dieser Passus im Visum eh keine Gültigkeit mehr hat. Na super. Ich lasse mir das auf einem extra Zettel bestätigen und marschiere in Richtung Bazar.
Auf dem Weg dahin komme ich am Tahrir Square vorbei. Jede größere Stadt im Nahen Osten hat so einen Tahrir (=Befreiungs-)Platz. Dieser hier wird durch eine ganze Putzkolonne minutiös sauber gehalten. Schön langsam denke ich, der Irak ist gar nicht so schlimm wie die ersten Eindrücke vermuten ließen 😉

Der Basar ist riesig, nix was es nicht gibt. Wie üblich gibt es ganze Straßenzüge von spezialisierten Berufen.
Hier einige Eindrücke:

Der Safafeer Kupfermarkt ist besonders eindrücklich. In winzigen Werkstätten wird gehämmert, gebogen, gedengelt und geklopft.

Dann noch ein kurzer Blick in eine alte Koranschule. Ganz schön, aber der Eintrittspreis für Touristen ist mit 20 € völlig unverhältnismäßig.

Der Ausblick auf den armen, geschundenen Tigris ist hingegen gratis:

Abends spaziere ich in eine Einkaufsstraße bei mir in der Nähe. Im Restaurant gibt’s eine ausgezeichnete, butterweiche Lammkrone. Die gratis dazugereichten Meze allein hätten mich schon satt gemacht.
Dann noch ein bisserl flanieren und Fußball-WM public viewing.
Wie gesagt, Irak ist gar nicht übel. 🙂

22.11.2022:

Gestern war nicht viel los, ich update den Blog und plane die nächsten Tage. Auch mit dem österreichischen Botschafter telefoniere ich lange. Er hält das alles was ich hier mache und vorhabe für aus Sicherheitsgründen völlig undurchführbar und meint, ich soll sofort in das größte Hotel einchecken, denn die Gegend wo ich sei wäre es höchst gefährlich.
Ahnung hat der wohl nicht viel. So ist das, wenn die Leute aus der abgesperrten Grünen Zone nie herauskommen. Sie leben in dem Ghetto aus dem sie sich nur per schwer bewaffnetem Konvoi rausbewegen. Das lachhafteste ist, dass er mir rät Luxi per Luftfracht (!!!) außer Landes zu bringen und nachzufliegen. Dass ich solche Leute mit meinem Steuergeld finanziere, ärgert mich ab heute doppelt.

Per Sammeltaxi („Wahnsinn! Viel zu gefährlich, Kidnapping fast garantiert!“) lasse ich mich ins Stadtzentrum fahren. Auf dem Weg zum berühmten Irakischen Nationalmuseum komme ich am Bahnhof der nicht minder bekannten Badgadbahn vorbei, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd. von Berlin bis Bagdad fuhr.
Wer mich kennt, weiß was jetzt kommt: Ich hüpfe aus dem Taxi und laufe rüber zum Bahnhof. Heute fährt kein Zug, ich frage natürlich ob ich mir das – natürlich streng bewachte – Bahnhofsgebäude trotzdem ansehen kann. Erst gibt es ein Nein!, aber so einfach kann man mich nicht abwimmeln. Ich warte einfach bis ein hohes Tier mit seinem SUV vorfährt und frage frech durchs Autofenster. Ich sei ein österreichischer Eisenbahnfreak und es sei mein größter Wunsch … bla…bla…bla. Siehe da – Bingo! Der Herr Direktor lässt mich nicht nur rein sondern schickt mich gleich in ein Büro mit zwei charmanten Damen die sehr gut Englisch sprechen und mit denen ich zuerst mal ein Bürofrühstück zu mir nehmen muss. Wir haben eine rechte Gaudi.

Dann bekomme ich eine einstündige Führung über das gesamte Bahnhofsgelände und erfahre, dass derzeit leider nur die Strecke Bagdad – Basra befahren wird, auch als Nachtzug. Es hat moderne chinesische und türkische Züge.
Ein Highlight für mich sind neben der alten deutschen Lok die Heidelberger Druckmaschinen, mit denen bis heute die Fahrpläne und Tickets, etc. gedruckt werden. Ich darf auch mal ran.

Dann gleich weiter ins Nationalmuseum.

Danach passiert etwas ungewöhnliches: Die Soldaten sind normalerweise höchst sensibel was Fotos angeht. Einmal wollte mir so ein Kerl das Handy wegnehmen weil ich ihn und sein gepanzertes Fahrzeug versehentlich mit auf dem Bild hatte.
Heute treffe ich auf einen Soldaten, der sogar gerne fotografiert wird. Das lass‘ ich mir nicht zweimal sagen.

23.11.2022:

Morgens verlasse ich nach einem gründlichen Autocheck Bagdad. Unglaublich, welch dicke Staubschicht sich in 3 Tagen auf einem Auto ablagern kann. Ich wasche den Luxi absichtlich nicht. Man will ja mit einem glitzernden Auto nicht noch mehr auffallen als unvermeidlich. 🙂

Es gibt wenige Checkpoints und überall werde ich entweder durchgewunken (ich versuche Augenkontakt zu vermeiden 😉 ) oder es dauert nur wenige Minuten bis ich weiterfahren kann. Die Strasse wird immer besser, jetzt sogar mit Fahrbahnmarkierungen! Immer mehr Palmgärten erscheinen an der Straße bis ich durch einen richtigen Dattelpalmenwald fahre. Wie schön, mal wieder etwas grünes zu sehen!

Erster Stop ist das legendäre Babylon, UNESCO-Weltkulturerbe und etwa 80 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegen.
Wer hat nicht noch die klingenden Namen der Könige Nebukadnezar oder Hammurabi aus dem Geschichtsunterricht im Hinterkopf? Nein? Falls nicht das, dann wenigstens den Ohrwurm „Rivers of Babylon“ von Boney M aus den späten Siebzigern? Youtube

Natürlich steht hier nicht mehr viel Originales aus der Hochblüte der Mesopotamischen Kultur. Die Lehmziegel zerfließen auch in der Wüste nach tausenden von Jahren. Das berühmte Ischtar-Tor wurde von den Deutschen Anfang des 20. Jhd. entwendet und steht jetzt im Pergamonmuseum in Berlin.
Trotzdem ist es ein erhabenes Gefühl, wieder mal an einer Stelle zu stehen, die das Zentrum einer der Hochkulturen der Menschheit bildeten. Teotihuacán, Chichén-Itzá, Macchu Picchu, Athen und Gizeh waren auch solch bedeutende Stätten wo ich schon mal sein durfte.

Das Tor, vor dem Luxi steht ist eine Nachbildung des Ischtar-Tores:

In Sichtweite von Babylon steht einer der Paläste, die sich Saddam Hussein übers ganze Land verteilt bauen ließ. Er steht fast verlassen auf einem Hügel zwischen Babylon und dem Euphrat-Fluss und man kann nach Herzenslust stöbern. Nur die oberen Stockwerke sind leider nicht zugänglich:

Noch ein Abstecher an den Euphrat…

24.11.2022:

Der Tag beginnt mit Warterei. Ich bekomme bewaffneten Begleitschutz auf der Fahrt von Babylon nach Kerbala und auf den muß ich erstmal lange warten. Ohne darf ich nicht wegfahren, da kennen die Typen mit der Puffn kein Pardon.

Überall im Irak hängen martialische Transparente an der Straßen und an jeder zweiten Hauswand sehe ich jetzt diese schwarzen Fahnen die man von den IS-Mordvideos kennt. Mulmig wird einem da schon …

In der heiligen Stadt Kerbala ist einer der wichtigsten Imame der schiitischen Muslime begraben, der Schwiegersohn Mohammeds. Die Moschee hier gilt als bedeutendstes islamisches Heiligtum des Irak. Das sehe ich mir an – weil’s am Weg liegt.

Es ist ganz schön heiß hier im Süden des Irak, bestimmt an die 30 Grad gegen Mittag. Trotzdem habe ich seit gestern eine Erkältung mit Husten, Kopf- und Halsweh. Sonderbar, wird hoffentlich nicht Covid sein?

Am Nachmittag kämpfe ich mich weiter Richtung Südwesten. Ich will bei Ar’ar über die Grenze nach Saudi Arabien. Die Checkpoints sind mühsam, wenn auch nicht ganz so häufig und langwierig wie nördlich von Bagdad.
An einem dieser Checkpoints bin ich mit blau Uniformierten konfrontiert. Die sind von der „Intelligence and Investigation“. Das heißt aber nicht, dass man hier Englisch sprechen würde. Ich werde des langen und breiten über woher und wohin befragt und ich antworte wahrheitsgemäß: Ich komme aus Bagdad und will nach Ar’ar, zu den Saudis.
Meine Einreise in Kurdistan und das Visum aus Bagdad machen wieder Probleme, aber die können schlussendlich ausgeräumt werden und ich bekomme wieder Geleitschutz. Na gut, mir soll’s recht sein.

Etwa 100 Kilometer ab Babylon ist dann plötzlich Schluss. Nein, ich darf nicht weiter. Keine Chance, sagt der Soldat im Begleitfahrzeug. „Wie jetzt“, sage ich, „bei den Checkpoints wussten doch alle wo ich hin will, auch dein Chef. Der hätte das doch gesagt!?“ Er tut plötzlich so als könnte er auf meinem Handy nicht mal mehr arabisch lesen (Google-Translator) und sagt nur „No! No! No! No! Danger!“
Das hat er damit wohl nicht gemeint:

Nun gut, er hat die Maschinenpistole und sein Kollege ebenso. Munition für einen kleineren Krieg haben die beiden auch. Ich könnte nur ein bisschen Pfefferspray dagegensetzen. Da braucht man nicht lange rechnen, die Rollen sind ziemlich klar verteilt.

Mir reicht es. Es gibt wahnsinnig viele wirklich liebe Menschen hier und Irak ist als Reiseland faszinierend-exotisch, aber jetzt gerade will ich nur mehr raus aus diesem kaputten, dreckigen, lauten, chaotischen Südirak mit viel zuviel Religion und Militär. Dass ich mich dazu noch krank fühle ist auch nicht hilfreich.
Wenn mich die Soldaten weiterfahren hätten lassen, könnte ich heute Nacht schon über die Grenze kommen. So muß ich aber einen enormen Umweg fahren: Erst nach Kuwait und dann auf der Saudischen Seite in nordwestlicher Richtung wieder alles zurück bis Ar’ar. Das sieht auf der Karte nach nicht viel aus, sind aber 1200 Kilometer zusätzlich.

Ich fahre heute noch bis Najaf. Weil so viele Schiiten aus aller Welt ebenso hier begraben werden wollen, ist der Friedhof von Najaf (die Stadt selbst hat „nur“ ca 1 Mio Einwohner) der größte Friedhof der Welt, lt. Guinnessbuch.
Das passt grad gut zu meinem Zustand 🙂

Ich übernachte bei einer Tankstelle. Als ich zahlen will (umgerechnet 10 Euro zum volltanken) sagt ein wildfremder Autofahrer der an der Tanksäule nebenan steht: „You’re my guest. Welcome to Iraq!“
Ich protestiere heftig, aber nix zu machen. Ich darf partout nicht zahlen, alles schon erledigt. Wo erlebt man denn sowas – außer vielleicht im Iran?
Habe ich schon gesagt, dass die Leute hier wahnsinnig nett und gastfreundlich sind?

25.11.2022:

In der Nacht hat es leicht geregnet. Die Straßen sind nass, überall Schlamm neben und teilweise auch auf der Fahrbahn. Ich fahre durch Gegenden, die selbst bei Sonnenschein keine Augenweide wären, aber jetzt ist es ein Trauerspiel.
Radfahrer und Gegenverkehr auf bis zu 6spurigen, schlammbedeckten Highways fordern viel Aufmerksamkeit. Dazu noch wie immer Schlaglöcher in denen man problemlos einen großen Spaghettitopf versenken könnte.

Dann endlich bin ich auf der zentralen Autobahn die von Bagdad nach Basra ganz im Süden des Iraks führt und schlagartig wird es besser. Es gibt keine Checkpoints mehr und auch die Straße wird etwas besser.
Ein Regenbogen erscheint über der Wüste und ich sehe die ersten Kamele.

Verunfallte oder abgeschossene Tanklaster säumen den Weg oder Mittelstreifen. Die werden hier einfach liegengelassen bis der Rost seine gemächliche aber gründliche Arbeit getan hat.

Ich nähere mich den riesigen Ölfeldern von Basra. Dieser unverkennbare schwere Ölgeruch liegt in der Luft.

Ich fahre den ganzen Tag durch, trotzdem ist es schon stockdunkel als ich im Grenzörtchen Safwan ankomme. Schnell noch den Ouzo versteckt, weil ab hier ist Alkohol strengstens verboten. Dann probiere ich einfach ob ich über die Grenze komme. Wenn nicht, dann halt morgen – aber ich versuche das heute noch durchzuziehen.

Ich habe Glück, außer mir ist so gut wie niemand hier. Ich bezahle einem Fixer 20 US$, damit er meine Formalitäten erledigt denn ich hab heute keine Lust mehr auf Diskussionen mit Zollbeamten. Fast erwarte ich größere Probleme aber auf der irakischen Seite geht es relativ zügig. In einer knappen Stunde bin ich durch.
Mir fällt ein Stein vom Herzen als ich nach der Fahrt durch das no man’s land zwischen den Grenzposten einen freundlichen Beamten in blitzsauberer kuwaitischer Uniform sehe.

Weiter zum Kapitel 5: Transafrika: – Teil 5: Kuwait und Saudi-Arabien

Die folgende Karte beinhaltet die bisherigen Fahrten (lt. GPS-Aufzeichnung).
Die Karte ist zoom- und verschiebbar.