März 2019: Sudan, Teil 1

SUDAN – TEIL 1

Am 1. März 2019 komme ich nach einem verspäteten Flug in Khartum, der Hauptstadt des Sudan gegen 3 Uhr morgens an.
Dass die Visagebühr am Flughafen nur mit Dollarscheinen die nach 2009 gedruckt wurden bezahlt werden kann, hatte mir niemand gesagt und beschert mir ein erstes Kennenlernen der sudanesischen Bürokratie. Na, das fängt ja gut an 🙂

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, was mich hierher verschlagen hat:
Seit vielen Jahren ist das Grenzgebirge zwischen Libyen, Ägypten und dem Sudan – der sogenannte Djebel Uweinat – auf meiner bucket list. Unzählige Male war ich auf Landkarten und Google Earth in Gedanken dort.
Es war immer ein wichtiger Punkt bei der Erforschung dieses Teiles der Libyschen Wüste, da hier im Umkreis von mehreren hundert Kilometern kein anderes sicheres Wasservorkommen existiert. Im Gegensatz zu fast allen Oasen der Wüste ist es hier übrigens Quellwasser das von den wenigen Regenfällen (meist im August, aber weitaus nicht jedes Jahr) gespeist wird. Alle anderen Oasen liegen in Senken, die an das fossile Grundwasservorkommen heranreichen.
Das ist aber nicht der einzige Grund der Reise. Faszinierend finde ich auch die Rolle, die der Uweinat bei den Forschungsreisenden (G. Rohlfs‘ Versuch um 1874, Hassanein Bey’s Entdeckung des Gebirges 1923, Graf Lázlo Almásy 1933 und vor allem Ralph Bagnold 1930) hatte. Die Reiseberichte lesen sich unheimlich spannend und immer fällt dem Uweinat eine wichtige Stellung zu.


(Bilder von http://cspottiswoode.free.fr)
Wie vor hundert Jahren ist eine Expedition zum Uweinat auch heute noch eine höchst einsame und logistisch schwierige, sprich kostspielige Sache. Deshalb auch mein Entschluss, das mit einer Reisegruppe zu machen. Solo kostet das eine Lawine und außerdem ist der Expeditionsleiter der beste Kenner des Gebiets und eine Koryphäe im Bereich prähistorischer Felszeichnungen.
Diese Felszeichnungen sind zwischen 8000 und 5400 Jahre alt. Auf dem bisher unbestiegenen (!) Nordplateau wollen wir versuchen, bisher unentdeckte Zeichnungen zu finden und zu dokumentieren. Die Sache hat also auch einen gewissen wissenschaftlichen Hintergrund.
Für mich persönlich ist aber der Weg das Ziel. Alleine der Gedanke, sich tagelang durch fast unberührte, jedenfalls unbewohnte Wüste durchzuschlagen, läßt mein Herz höher schlagen.

Aber jetzt bin ich erstmal in Khartum und meine AirBnB Unterkunft die auf der Webseite so toll aussah („comfortable room in an excellent location“), entpuppt sich als ziemlich verdreckte Bude, im 4. Stock eines heruntergekommenen Gebäudes, umgeben von Abfallhaufen. Lift kaputt, eh klar.

Na ja, was kann man schon groß erwarten. Ich bin sowieso hundemüde und falle in die Klappe. Nach einer Mütze Schlaf sieht das alles vielleicht besser aus.

Der Muezzin schafft es erst mit seinem zweiten Gebetsruf mich zu wecken. Ich schlurfe ins Badezimmer und bei Tageslicht betrachtet wird mir fast schlecht. Aber gut, da muß ich jetzt durch. Bloß nicht irgendwo anstreifen. Selbst die dicken Staubschichten überall können das gefühlte viertel Kilo ungleichmäßig verteilter Haare in der Badewanne nicht überdecken.

Nix wie raus hier und Khartum entdecken! Wenigstens das WLAN funktioniert in der Unterkunft. Ich lade mir also die lokale Uber-Version aufs Handy und fahre so günstig mit dem Taxi in die Innenstadt. Kostenpunkt für die etwa halbstündige Fahrt: 3,50 Euro. Benzin kostet im Sudan übrigens 13 Eurocent pro Liter.

Ich starte beim Sudanesischen Nationalmuseum. Dieses schließt aber schon in einer halben Stunde wegen der Freitagsgebete. Also wandere ich entlang des Blauen Nil entlang bis zum Zusammenfluß mit dem Weissen Nil. Beide Flüsse haben übrigens – erraten – die selbe Farbe. Vielleicht ist das zu anderen Jahreszeiten ja anders…

Downtown versuche ich dann Geld zu wechseln, das gelingt mit meinen alten Dollarscheinen aber nicht. Die Leute sind alle sehr freundlich, die Stadt aber total unattraktiv.
Nachdem wegen der anhaltenden Demonstrationen letzte Woche der Ausnahmezustand im Land verhängt wurde, marschiere ich zur übervollen Moschee. Vielleicht tut sich da ja was.

Nach dem Gebet gehen gottseidank alle friedlich auseinander, vorerst scheint es keine Demos zu geben.
Ich nehme dann mit meinen letzten Sudanesischen Pfund einen späten Lunch zu mir, ein syrisches Restaurant nahe der Moschee bietet leckere Meze um kleines Geld und der Guava-Shake ist erstklassig.

Dann wird es Zeit, in die Nachbarstadt jenseits des Nil, nach Omdurman zu fahren. Dort findet jeden Freitag ein Ritual statt, das die Anhänger eines Sufi-Ordens vor dem Grabmal ihres ehemaligen Anführers Sheikh Hamed al-Nil durchführen. Es wird getanzt, gesungen und geklatscht, einige scheinen auch in eine Art Trance zu fallen. Jedenfalls ist es eine ausgesprochen locker-freundliche Veranstaltung, jeder scheint gut drauf zu sein. Und dass die Afrikaner den Rhythmus im Blut haben ist eh klar 🙂
Wer mehr zu diesem Sufiorden wissen will: https://en.qantara.de/content/the-sufis-of-khartoum

2. März 2019
Nach einem sehr frühen checkout aus dem AirBnB – ich bin in das akzeptablere Regency Hotel übersiedelt – mache ich mich auf zu einer Birdwatching Tour im am Nil gelegenen Sunut Forest, wo scheue Kapuzineraffen auf und zwischen den Bäumen turnen.

Mit einem kleinen Boot geht’s – begleitet von einer lustigen Engländerin und einer einheimischen Biologin – auf eine Insel im Nil und es sind doch einige interessante Vögel zu beobachten. Aber ehrlich gesagt – ich hätte nicht gewußt, was ich sonst den ganzen Tag hätte machen sollen. Die eigentliche Expedition startet ja erst morgen und Khartum gibt wie schon gesagt nicht so viel her.


Anschließend Besuch einer Einheimischen-Fischbude. Zuerst fällt auf, dass im halboffenen Restaurant alle paar Meter ein Weihrauchtopf steht, der gleich eine exotische, angenehme Geruchsatmosphäre verbeitet. Der Fisch ist gut und vor allem frisch. Kühlmöglichkeiten gibt’s hier nicht. Und den Salat vertrag‘ ich auch. Alhamdullilah.


Danach lerne ich schon mal einen Teil der Expeditionsmannschaft kennen, wir besuchen gemeinsam das Nationalmuseum (mal ehrlich: wer hat gewußt, dass der Sudan mehr pharaonische Pyramiden aufzuweisen hat als Ägypten?) und treffen uns anschließend in meinem Hotelzimmer zu einem Begrüßungs-Gin-und-Tonic. Im Sudan gibt’s keinen Alkohol zu kaufen, aber ich hab‘ ja in weiser Voraussicht den Gin ins Land geschmuggelt ;).

3. März 2019
Bis die letzten Genehmigungen und Stempel von der Security Police eingeholt sind, wird es 11 Uhr. Dann geht die eigentliche Expedition endlich los.
Wir sind inklusive Expeditionsleitung 9 Leute, in 5 Autos mit einheimischen Fahrern.

Dann geht es durch den dichten, teils chaotischen Verkehr der 8 Millionen-Stadt Khartum nach Nordosten und raus aufs Land.

Die erste Mittagsrast wird bei einem sehr einfachen Strassenrestaurant gemacht. Die Lammstückchen schmecken gut, ebenso die Nationalbeilage Fuul (Bohnen).

Die Buben hier lassen sich begeistert fotografieren.

Wir halten uns nicht lange auf, haben ja heute noch 700km abzuspulen und es ist schon weit nach Mittag. Eines der Autos ist schrecklich langsam, durchschnittlich geht’s mit nur 65 km/h auf sehr guter, neuer Strasse dahin. Jetzt kann man sich’s ausrechnen wie lang das heute noch dauert… Dazu kommt noch die eine oder andere Reifenpanne.
Anfangs noch relativ dichter Bewuchs mit kleinen Schirmakazien, diese werden im Verlauf des Tages aber immer weniger, je weiter wir nach Norden kommen. Auch erste kleine Dünen werden sichtbar.

Die vielen Checkpoints entlang der Strecke verzögern das Weiterkommen zusätzlich, bei Dongola warten wir besonders lange und so erreichen wir unser heutiges Ziel, das Soleb Guesthouse, erst um 1 Uhr Nachts. Es ist ganz schön kalt, geschätzt unter 10°C.
Mein Einzelzimmer:

Heute sind wir die hellblaue Strecke auf der Karte (auf Asphalt) gefahren. Ab morgen geht’s per Allrad Richtung Westen, zu unserem Ziel Jebel Uweinat (violette Strecke).
Die Karte ist zoom- und verschiebbar.

4. März 2019
Während die Fahrer Diesel besorgen (es ist trotz vorab besorgter Genehmigungen scheinbar nicht so einfach welchen zu bekommen und wir brauchen ja hunderte Liter), besuchen wir den fußläufig vom Guesthouse entfernten Amuntempel.

Der Gästehaus-Eingang:

Die kleinen Fliegen beim Tempel sind so lästig, dass wir die Kopf-Moskitonetze brauchen.


Ein paar hundert Meter weiter fließt der Nil Richtung Assuan-Staudamm nach Ägypten.
Nur der äußerst schmale Ufersteifen kann landwirtschaftlich genutzt werden.



Am frühen Nachmittag sind endlich die Autos wieder da und letzte logistische Probleme werden gelöst…

… bevor die Toyotas endlich in ihrem natürlichen Habitat losgelassen werden dürfen. Der Luftdruck wird auf 1,5 bzw. 2 bar gesenkt und los geht’s!
Es beginnt mit einem gut fahrbaren, relativ festen Reg:

Zum Übernachten suchen wir uns einen kleinen Hügel mit eingewehter Düne. Schnuckelig!


Der ungarische Expeditionsleiter András zaubert uns schnell ein paar Reisnudeln mit Gemüse, dann ziehen wir uns recht bald in unsere Zelte zurück.

5. März 2019
Zum Sonnenaufgang sind wir schon auf den Beinen…

… und nach einem frühen Start…

… geht’s weiter auf dem sogenannten Selima Sand Sheet.
Irgendwo liegen dann plötzlich versteinerte Bäume herum. Der prähistorische Wald widerstetzt sich standhaft dem bereits Jahrmillionen andauernden Sandstrahlen der Sahara.



Zuerst geht es noch durch recht ansprechende, allerdings trockenste Sahara-Landschaften. Fotogene Zeugenberge und stark erodierte Hügel inklusive …




… und zeitweiliges Einsanden gehört einfach dazu:

Je weiter wir nach Westen vordringen umso einförmiger wird die Wüste. Es wird immer flacher, das Auge kann sich an nichts festhalten und die Luftspiegelungen gaukeln Dinge vor die es gar nicht gibt, wie Wasserflächen oder Bäume. Allein der Horizont ist beständig. 360 Grad rundherum sonst nichts. Man kann die Erdkrümmung mit bloßem Auge wahrnehmen.
Stundenlang geht es so dahin.
Geil.


Entsprechend sieht das Mittags-Rastplatzerl aus:

Videos:

Rechtzeitig am Abend erscheinen dann plötzlich recht kuschelige Dünen. Perfekt getimed! Da schlagen wir unser Lager auf.




Offensichtlich wohnt hier in den Dünen auch ein Fennek (Wüstenfuchs). Ein Überlebenskünstler!

6. März 2019
Wie üblich sind wir schon vor Sonnenaufgang mit Zeltabbau usw. beschäftigt. Es ist arschkalt, etwa 4°C. Immerhin plus.
Dann geht’s nach einem schnellen Frühstück im Stehen gleich weiter.
Urlaub ist anders 🙂

Und zu einer Uhrzeit wo andere noch nicht mal im Büro sind, sind wir schon eingesandet:

Unglaublich, in welch trockenen Gegenden Tiere überleben können: Hier eine Wüsten-Mantide (Eremiaphila sp.), Verwandte der bekannteren Gattung der Gottesanbeterinnen.

Indem wir ein weiches Dünengebiet nördlich umfahren, kommen wir bis auf wenige Kilometer an die ägyptische Grenze heran.
Prompt stoßen wir auf einen Kontrollposten. Wahnsinn – wer hier Dienst tun muß, hat sich wohl den Unmut seines Vorgesetzten zugezogen. Oder er braucht die Erschwernis- und Einsamkeitszulage.

Wir können unbehelligt weiterfahren, der Geländeabbruch im Hintergrund ist schon ägyptisches Staatsgebiet.

Bei jedem Stop werden dankbar die Beine vertreten und bei der Gelegenheit natürlich geologisch interessante Steine gesucht.

Den haben wir aber nicht mitgenommen:

Dann sehen wir plötzlich den Jebel Kissu …

… und etwas nördlich davon auch den Jebel Uweinat vor uns!

Die letzten Kilometer dauern noch etwas, manchmal rumpeln wir mühsam über Gesteinsfelder mit kindskopfgroßen Steinen, dann haben wir auch noch je eine Einsand- und Reifenwechselaktion zu überstehen:

Aber dann sind wir endlich im schönen Wadi Karkour Talh (=“versteckter Platz mit Talha-Akazien“), wo wir für die nächsten 14 Tage unser Basislager aufschlagen.


Wenige Meter von unseren Zelten entfernt sind bereits jahrtausendealte Felszeichnungen zu bestaunen:

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