Transafrika – Teil 6: Saudi-Arabien II

Zum Kapitel 1 mit allgemeinen Überlegungen zur Routenwahl, Griechenland und Westliche/Zentraltürkei: Transafrika: Ein Versuch
Zum Kapitel 2: Transafrika – Teil 2: Türkei zwischen Euphrat und Tigris
Zum Kapitel 3: Transafrika: – Teil 3: Nordirak (Kurdistan)
Zum Kapitel 4: Transafrika: – Teil 4: Zentral- und Südirak
Zum Kapitel 5: Transafrika: – Teil 5: Kuwait und Saudi-Arabien, Teil 1

08. bis 11.12.2022:
Ich mache ein paar Tage “Reisepause” in der Hauptstadt Riad (Riyadh), gehe gut essen, lasse Wäsche waschen und Luxi bekommt ein großes Service mit Abschmieren und frischem Öl für die Differentialgetriebe.


Ein ganzer Tag geht drauf mit der vergeblichen Suche nach einer Autoversicherung die auch ausländische Fahrzeuge akzeptiert. Angesichts der absolut verrückten, lebensmüden Fahrweise der Saudis wäre das ja wirklich keine schlechte Idee. Allein, es gelingt nicht. Na ja, defensiv weiterfahren ist die Devise.

Luxi ist auch in Riad der Star:

Manchmal – aber wirklich nur manchmal – habe ich Glück und der Star bin ich, so wie bei diesen entzückenden Verehrerinnen:

Sogar einen Spar Markt habe ich in der Stadt entdeckt:

Am Freitag hat es 12 Stunden durchgeregnet und mit Regen meine ich: nicht nur genieselt. Das ist für hiesige Verhältnisse echt viel und die Infrastruktur ist offensichtlich nicht überall darauf ausgelegt. Aber das sind wirklich Einzelfälle, nicht repräsentativ für die gut organisierte, sehr moderne und saubere Stadt:

Hier noch ein paar architektonische Highlights:

Die durchorganisierte Ostküste mit Qatar, Abu Dhabi und Dubai zieht mich auch weiterhin ganz und gar nicht an und ich beschließe, nun doch in den Nordwesten Saudi-Arabiens zu fahren. Zumindest für ein Zeiterl. Ich staue also auf 2x7spurigen Autobahnen raus aus der Stadt und treffe auf ein paar glückliche Kamele die den Regen bestimmt schon sehnsüchtig erwartet haben. Bald wird es überall frische, grüne Blätter zu knabbern geben, nicht nur dornige Akazien.

Manche Palmgärten stehen tief im Wasser, jetzt heißt es für die Dattelpalmen: Saufen, saufen!

Ich versuche zur sogenannten „Edge of the World“ zu kommen, das ist eine –zig Kilometer lange Abbruchkante, eine riesige geologische Bruchzone also. Bei meinem ersten Versuch ist allerdings alles abgesperrt und auch ein großräumiges Umfahren bringt mich nicht weiter. So lande ich in einem Wadi, das jetzt, so kurz nach dem großen Regen, mit einigen Bachläufen gefüllt ist und daher einen äußerst beliebten Picknickplatz für die Einheimischen abgibt. Es werden Lagerfeuer gemacht, Musik gespielt, ein bisschen offroad gefahren (die Saudis lieben das!), im Schlamm steckengeblieben und leider wie üblich Unmengen Müll hinterlassen.
Ich schau mir das aus der Distanz an und verbringe dann ein paar angenehme Stunden mit Holländern (schon wieder! 😉 ), die mit ihrem irre großen, luxuriösen Truck auf Weltreise sind.

Nachts ziehen die Saudis ab und am sehr kühlen Morgen (9°C draußen) sind nur mehr die Dutchies und ich hier.

Der gestrige Versuch zur Edge of the World zu kommen wird nicht der letzte sein, so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Und tatsächlich finde ich eine versteckte Zufahrt zwischen ein paar Gebäuden, die nach ein paar Kilometern auf eine Piste in die richtige Richtung führt.
Luft aus den Reifen und die wilde, holprige Fahrt beginnt. Nicht nur einmal muß ich die Sandbleche legen um über besonders steinige oder steile Stellen zu kommen. Die Strecke ist offiziell gesperrt. Aber wann hat mich das je gehindert? 🙂 Die von Schubraupen aufgeschütteten Barrieren stellen nur eine besondere Challenge dar. Luxi muss sich manchmal plagen, darf aber zeigen was er kann.

Lange bin ich völlig alleine an der „Kante der Welt“ und genieße die phänomenale Aussicht von dem Felsabbruch in die Ebene, die von Wadis durchzogen wird. Wenige Tage nach dem Regen sind diese schon wieder völlig trocken.
Erst kurz vor Sonnenuntergang kommt noch ein Auto, das fährt aber bald wieder.
Ich fühle mich sehr privilegiert, hier exklusiv stehen und dabei so bequem kochen, duschen und schlafen zu können.

13.12.2022:
Ich schnüre meine Wanderschuhe und gehe grob gesagt entlang der Abbruchkante nach Norden, zum Teil auf einer alten, aufgelassenen Piste oder in einem trockenen Bachbett in dem sich nur vereinzelt Reste des großen Regens von vor ein paar Tagen zeigen.

Es ist auch geologisch eine interessante Gegend: Der Kalkboden zeigt viele fossile Würmer und Schnecken. Manchmal ist der ganze Boden soweit das Auge reicht mit versteinerten, bis zu kopfgroßen Korallen bedeckt. Manche dieser Korallenblöcke sind im inneren kristallisiert:

Es ist wieder mal völlig einsam hier und das Morgenlicht trifft auf bizarre Felsen.
Alle paar Schritte ändert sich die Perspektive.
Weit geht der Blick hinaus in die staubtrockene Ebene.

Hat hier jemand Penisfelsen gesagt? 🙂

Ich lasse mich treiben, hebe viele Steine auf und lasse sie wieder fallen, suche mir die schönsten aus.
Dann treibt mich der Hunger schön langsam zurück zu Luxi.
Am Nachmittag fahre ich die etwa 30 km übler Piste zurück in Richtung Hauptstraße, das dauert eh Stunden. Kurz vor dem Asphalt bleibe ich in einem Wadi stehen um hier eine ruhige Nacht zu verbringen.

14.12.2022:
Ein besonders schöner Sonnenaufgang heute. Blutrot – ob das ein Omen ist?

Heute will ich Kilometer machen, werde aber immer wieder von netten Saudis „abgefangen“. Manchmal bringe ich es einfach nicht übers Herz, die Einladung abzulehnen – wenn die Leute doch so begeistert sind, einem „echten Touristen“ zu begegnen!
So passiert es oft, dass ein impromptu Teekränzchen veranstaltet wird. Die Saudis haben für so eine Teepause immer alle Utensilien dabei. Ohne verläßt man das Haus einfach nicht.
Ich tu‘ halt was für die Völkerverständigung. Und nett war’s ja auch mit dem 22jährigen – erraten: Mohammad.

Die Altstadt von Al Shaqra‘ wird gerade restauriert, das sehe ich mir an.


Die alten Häuser wurden früher aus Lehm und Kamelhaar gebaut, heute verwendet man statt dem Kamelhaar das leichter verfügbare (oder billigere) Stroh. In großem Stil Weizen anbauen tut man hier ja erst seit kurzem, seit man mit viel Energie Wasser entweder aus großer Tiefe hochpumpen oder Meerwasser entsalzen kann.
Wie auch immer: Ein sehr kurzweiliger Ausflug. Man kann nach Herzenslust durch die engen Gassen stromern, manche Wohngegenden verfallen rasant…

… andere werden aufwändig und mit aktueller Technik auf den Stand des 21. Jahrhunderts gebracht, auf dass der moderne Saudi auch gerne darin wohnt (oder wohnen würde).

Wieder andere Teile der Altstadt sind bereits fertig und für die Tourismusinitiative Vision 2030 scheint man auch schon gerüstet. Momentan ist es noch ruhig, ich bin der einzige Besucher, zumindest heute. Wie das in ein paar Jahren aussieht – wir werden sehen.

Schöne Türen gibt’s hier auch: Die alten aus Palmholz, die neueren vermute ich mal aus Akazienholz:

Ein weiterer Stop wird ein etwas schmerzhafter: Nur wenige hundert Meter neben der Hauptstraße ist ein kleines Akazienwäldchen im Begriff, von roten Dünen verschluckt zu werden. „Das gibt schöne Fotos“, denke ich mir.
Ein Anfänger wie ich bedenkt dabei nicht, dass im Sand zentimeterlange Akaziendornen verborgen sein können. Eine blutige Sache sowas, aber es wird helfen mir das für die Zukunft zu merken.

Ich habe den Fuß kaum verarztet, dauert es wieder nicht lange und ein älterer Saudi kommt mit heißem Tee und Keksen vorbei, überreicht sie mir mit „Welcome to Saudi-Arabia!“ und zieht sich nach dem üblichen Austausch von Höflichkeiten diskret zurück.

Ich mag die Leute irgendwie.
Wenn sie nur nicht solche Umweltferkel wären …

15.12.2022:
Wer noch nicht genügend Kamelfotos gesehen hat, kommt jetzt auf seine Rechnung 🙂
Ich schau‘ mich nämlich auf dem angeblich größten Kamelmarkt der Welt (!) um, und zwar ist das in Burayda.
Es werden hier zwar täglich auch hunderte Schafe, Ziegen und Kühe verkauft, aber meine Favoriten sind natürlich die Kamele.
Der Markt wird schon an der Autobahn mit „Cattle City“ ausgeschildert.

Laufend werden Tiere ab- und aufgeladen, es wird gehandelt und diskutiert, gefachsimpelt und Tee getrunken. Es macht Spaß, hier zuzusehen!

Weil telefonisch die Frage nach dem Ladeprozedere aufgetaucht ist: Die Kamele werden nicht über Rampen ab- und aufgeladen weil sie sehr empfindliche Beine besitzen. Die Verletzungsgefahr auf Rampen wäre zu groß. Besser man schnürt sie zu einem Paket zusammen und verlädt sie per Autokran.

Dann bekommt Luxi noch eine neue Getriebeöldichtung. Der junge Mohammed hat mich gestern darauf aufmerksam gemacht, dass Öl austritt. Ich dachte, es wäre ein bisserl Überschuß von der Ölwechselaktion vor ein paar Tagen (beim Fahren wird das Öl warm und tritt aus), aber er meinte fachmännisch, dass die Dichtung kaputt wäre.
Und er hatte recht! „Shukran, M’hamm’d!“

Am Abend gehe ich wieder mal ausgezeichnet Essen. Habe ich schon erzählt, dass Saudi-Arabien – man glaubt es kaum – ein Glücksfall für Feinschmecker ist? Das ist vor allem der großen Gastarbeiter-Community aus Asien zu verdanken.
In jeder einigermaßen größeren Stadt gibt es jede Menge guter Lokale. Manchmal gehe ich ja in 4- oder 5-Stern Hotels weil die meist ein reichhaltiges Buffet guter Qualität haben. Das Radisson Blue hier war mir aber nach Besichtigung nicht gut genug 😉 und weil ich im Umfeld des Hotels sowieso in einem „besseren“ Stadtviertel bin, gibt es hier jede Menge ausgezeichneter Lokale (und für nachher edle Patisserien bzw. Chocolaterien), wie es scheint.

So lande ich – nicht zum ersten Mal – in einem feinen indischen Restaurant. An jedem Tisch steht ein in edler hellblauer Livrée samt Turban gewandeter Kellner, der den Gast betreffend der Speisen berät. Ich versuche angesichts all der Köstlichkeiten Zurückhaltung zu üben, doch das geht gründlich schief.
Ich habe viel zu viel bestellt und es ist wieder mal sooo gut, seufzerlösend und ich kann längst nicht aufhören als ich eigentlich schon pappsatt bin 🙂
Erschwerend kommt dazu, dass ständig unaufgefordert nachgereicht wird wenn Zuspeisen zur Neige zu gehen drohen, Dips oder ofenheiße Chappati (Fladenbrote) beispielsweise.

Wenn es dazu noch ein gutes Flascherl Wein gäbe, dann wäre ich kulinarisch vollends glücklich, aber auch so wanke ich mit vollem Bauch sehr zufrieden von dannen.
Kostenpunkt für den Spaß: 115 Saudische Rial, umgerechnet knapp 30 Euro.

Angesichts dessen, dass das Einkaufen relativ teuer ist (wie bei uns etwa, ausgenommen heimisches bzw. aus dem Nahen Osten stammendes Obst und Gemüse, das ist etwas günstiger), frage ich mich warum ich hier selber kochen soll.
Eben 🙂

16.12.2022:
Frühmorgens um 6 Uhr läutet mich der Wecker aus dem warmen Bett, denn ich will mir das Treiben in Cattle City ansehen wenn am meisten los ist. Zwar ist heute Freitag (also hier Sonntag), aber trotzdem tut sich einiges beim Federvieh und den Schafen und Kühen. Bei den Kamelen bleibt heute alles relativ ruhig.

Es ist wieder mal spannend zuzusehen.

Ich werde bei Gelegenheit ein, zwei Videos zusammenschneiden und hier reinstellen. Mit Ton kriegt man einfach einen besseren Eindruck.
Sobald ich die Zeit dazu finde, versprochen.

Stellt euch mal eine Shopping Mall vor, so wie man sie von zuhause (oder auch hier) kennt.
Großer Parkplatz davor, zweistöckig, schöne Fassade.

Aber in dieser Mall gibt es nur – und zwar ausschließlich – Datteln!
Jede denkbare Form, Qualität und Verarbeitungsvariante.
Ich schlage natürlich zu: 3 kg safig-weicher Pflaumendatteln um 3,50 Euro. Wer könnte da auch widerstehen?

Dann verlasse ich Burayda und fahre weiter Richtung Nordwesten, an den Südrand der Wüste Nefud. Und vielleicht ein bisschen in die Wüste rein 😉
Beim Verlassen der Stadt ist es mit dem fotografiert und gefilmt werden so „arg“ wie noch nie. Fast aus jedem Auto wird gewunken und Handys in meine Richtung gehalten. Ein Filmstar könnte nicht freudiger begrüßt werden.

17.-18.12.2022:
In der alten Wüstenstadt Ha’il ist schon wesentlich weniger los was westliche Geschäfte und tolle Restaurants betrifft. Hier auf 1000m Seehöhe ist es auch relativ kühl sobald die Sonne untergeht. T-Shirt und kurze Hose gibt’s nur noch nachmittags.
Ich muss heute sowieso arbeiten, suche mir einen ruhigen Platz und stocke Vorräte auf. Auch einen Reservereifen lege ich mir zu. In den nächsten Tagen geht’s in abgelegene Gegenden und da soll’s nicht an einem kaputten Reifen scheitern und ich will nicht so enden:

Luxi hat zwar fast neue Reifen spendiert bekommen, aber sicher ist sicher.
Nur: wohin damit?
Hinten will ich nicht weil die Hinterachse sowieso schon schwer zu tragen hat und sich im Weichsand schnell eingräbt. Vorne auf der Motorhaube? Na ja, das schränkt das Gesichtsfeld im Gelände doch stark ein:

Es nützt nix, der Reifen muß aufs Bett im inneren der Wohnkabine :).

Dann quere ich einen breiten Dünengürtel. Der Verkehr ist ab hier von und nach Nordwesten fast nicht existent, die 2x3spurige Autobahn perfekt ausgebaut und schlängelt sich durch das rötliche Sandmeer.
Zum ersten mal wird die Distanz zur jordanischen Grenze auf den Schildern angegeben und für Kamele werden riesige Übergänge gebaut (wie bei uns Grünbrücken fürs Wild), denn meist ist die Autobahn eingezäunt.

Oft habe ich zuhause Satellitenbilder des Oasenstädtchens Jubbah und seiner Umgebung studiert.
Jetzt bin ich endlich hier.

Was ich hier zu suchen habe? Nun, erstens gibt es hier jahrtausendealte Felszeichnungen aus einer Zeit, als die Arabische Halbinsel noch grün war (wie die Sahara) und diese Felszeichnungen stehen unter Schutz der UNESCO, sind Weltkulturerbe. Und zweitens soll ist die Umgebung hier mit schönen Felsformationen gespickt sein, eingebettet in schöne Wüstenszenerie. Das will ich mir natürlich alles nicht entgehen lassen.

Der erste Versuch am Jebel (=Berg) Qattar ein paar Kilometer vor Jubbah mißlingt. Das Gelände ist eingezäunt und ich könnte theoretisch mit Luxi an den etwa 3 Meter hohen Zaun fahren, aufs WoMo-Dach klettern und drüben runterspringen. Ich bin zwar in völliger Einsamkeit hier aber falls doch jemand offizieller kommt während ich gerade durchs abgesperrte Gelände stapfe – na, das kommt wahrscheinlich nicht so gut und könnte unangenehme Konsequenzen haben. Die Schilder davor warnen zwar „nur“ auf arabisch (da kann man sich gut blöd stellen), dafür aber hochoffiziell mit Verweisen auf die entsprechenden Gesetzes-Paragraphen.

Na gut, dann erstmal zum Besucherzentrum in der Ortschaft und die Felszeichnungen dort ansehen.

Mich fasziniert die Tatsache, dass es Nachrichten aus einem längst vergessenen Zeitalter sind.
Dieser Blog wird in 50 Jahren vermutlich nicht mehr lesbar sein. Die Mitteilungen der damals lebenden Menschen hingegen sind auch nach fast 8000 Jahren (!) noch klar erkennbar.
Botschaften aus einer anderen Zeit.

Es gibt hier hunderte Felsgravuren aus unterschiedlichen Epochen, die künstlerisch wertvolleren sind die älteren. Vor allem Rinder, Strausse, Steinböcke und Menschen sind abgebildet. Natürlich auch viele Kamele, die kamen aber erst nach der Desertifikation vor 5-6000 Jahren hierher, diese Bilder sind daher jüngeren Datums.

Am Abend dann, ich sitze gerade beim Kochen, fährt ein saudischer Scheich vor. Nach den üblichen ausführlichen Begrüßungsformeln lädt er mich ein, doch mit seiner Familie das Fußball-WM-Finale anzuschauen. Ich bin froh gerade frisch geduscht zu sein und den Salat mit ordentlich viel Knoblauch noch nicht gegessen zu haben. Schnell schlüpfe ich in meine beste Hose und in Ahmeds Auto. Dass er wegen mir die ersten 10 Minuten des Spiels versäumt hat nimmt er mir nicht übel, ich solle mir nur Zeit lassen. Soooo nett!
Bei ihm angekommen, stellt sich das ganze als Art großer Empfangsraum dar. Für unseren westlichen Geschmack zu weiträumig und ungemütlich-kahl, aber lieber ist es mir so als in arabischen Kitsch-Polstermöbeln zu versinken wie man sie in den hiesigen Einrichtungshäusern oft sieht.
Die Familie, das sind natürlich nur die männlichen Brüder, Cousins, etc. Ein gutes Dutzend ist hier versammelt und die meisten drücken Messi und den Argentiniern die Daumen.
Alle springen auf als ich eintrete, ich denk‘ mir „schüttelst halt jedem die Hand“ und nach der Begrüßung wird mir der Ehrenplatz in der Mitte angeboten.
Die besten Datteln werden mir gereicht, speziell weiches Wasser vom familieneigenen Ziehbrunnen aus der Wüste (wirklich sehr gut) kredenzt und ein Angestellter kümmert sich darum, dass mein Tee- und Kaffeeglas nie leer ist bis ich mit 3maligem horizontalen Schütteln des Glases zu verstehen gebe, dass ich genug habe.
Nun ja, so sind die Bräuche hier.

19.12.2022:
Morgens um 9 soll der Chef der hiesigen Altertumsbehörde kommen. Ihn will ich um Erlaubnis fragen, die eingezäunte UNESCO-Stätte am Jebel Qattar besuchen zu dürfen, wo ich gestern nicht rein konnte. Natürlich taucht er erst kurz vor Mittag auf und trotz meiner Referenzen und dem Angebot, einen Guide zu nehmen und zu bezahlen lautet die Antwort „No, it’s closed.“ Das Warum wird nicht diskutiert (bzw. nicht mit mir, sein schnelles arabisch mit dem Manager verstehe ich nicht mal ansatzweise).
„Na gut“, denke ich mir. „Ich hab’s wirklich probiert und war kooperativ. Dann mach ich’s eben auf meine Art.“
Nach einer kurzen Visite bei einer anderen Gruppe Felsen mit Gravuren …

(am letzten Bild erkennt man mit etwas Fantasie den Löwen mit seinen langen Krallen)

… starte ich wieder Richtung J. Qattar.

So wie beim Visitor Center bin ich wieder der einzige Besucher, inmitten schöner rötlicher Dünen und alleine mit dem pyramidenförmigen etwa 100 m hohen Berg. Es dürfte sich (noch!) um eine der am wenigsten besuchten UNESCO-Weltkulturerbestätte handeln.

Also über den Zaun gekraxelt und die Expedition kann losgehen. Ich weiß nur ungefähr wo ich suchen muss: Auf der Nordseite des Berges, auf gut halber Höhe soll es tolle Felsgravuren geben. GPS-Koordinaten? Leider Fehlanzeige. Ich denke mir, es wird wohl Fußspuren geben denen ich dann folge.
Falsch gedacht.
Es sieht so aus als wäre seit Jahren niemand mehr hier gewesen. Ich kraxle auf den gottseidank griffigen Sandsteinfelsen hin und her, finde aber „nur“ ein paar schöne Gravuren von Steinböcken und einem Rind mit langen Hörnern (mit verdrehtem Kopf damit man beiden Hörner von „oben“ sieht), die in den wenigen online-Dokumentationen nicht verzeichnet waren. Das heißt natürlich nicht, dass sie nicht erfasst wurden. Nur, dass sie nicht einfach online zu finden sind.

In einiger Entfernung sieht man übrigens schön die hiesigen Landwirtschaftsbetriebe: Auf kreisrunden Feldern wird mittels riesiger Sprinkleranlagen bewässert was das Zeug hält und so Getreide und Gemüse sowie Grünfutter für die Tiere produziert.
Das Wasser dürfte vermutlich noch aus der Zeit stammen, aus der auch die Felszeichnungen sind: Vor etwa 7000 bis 8000 Jahren gab es hier große Seen und das aus dieser Zeit verbliebende Grundwasser wird heute nach oben gepumpt.
Dass mit den Sprinkleranlagen bestimmt die Hälfte oder mehr des Wassers verdunstet bevor es an die Wurzeln kommt scheint keine Rolle zu spielen. Energie kostet praktisch nix, das fossile Wasser gehört dem, der es aus dem Boden holt.
Wassersparende bodennahe Tröpfchenbewässerung wäre aufwändiger als die Sprinkler Tag und Nacht langsam kreisen zu lassen.
Wie lange das gut gehen kann?

20.12.2022:
Gestern Abend habe ich ein Wissenschafts-Paper *) im Netz entdeckt, das sich mit den Felsgravuren hier beschäftigt. Ich studiere stundenlang die Beschreibungen und Satellitenbilder und übertrage die ungefähren GPS-Koordinaten auf mein Handy.
Natürlich muss ich als Morgensport wieder über den hohen Stacheldrahtzaun steigen, aber dann finde ich nach ein wenig Kraxelei am Berg ein großartiges Panel mit herrlichen Darstellungen von Menschen, Rindern und Steinböcken.

Jetzt hat sich die chose ausgezahlt. Die Gravuren sind gut erhalten, ich freu‘ mich sehr das sehen zu dürfen.
András Szboray, der Experte schlechthin für saharische Felsbilder, hat mich vor gut 3 Jahren auf unserer https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCstenlack mit seiner Faszination für diese Werke angesteckt. Seither halte ich auch ständig Ausschau nach Felsbildern und –gravuren. Es macht aber einfach auch mehr Spaß als – sagen wir – Ostereiersuchen.

Genial finde ich auch das Murmelspiel das hier neben den Felsgravuren herumliegt. Sehr ähnliche habe ich damals im Sudan gesehen, auch zuvor schon in Libyen. Man scheint das in vorgeschichtlicher Zeit gerne gespielt zu haben. Wenn ich mich nicht täusche, hat man auch bei römischen Siedlungen ähnliches gefunden (?), aber diese hier sind ein paar tausend Jahre älter.

Am Fuß des Jebel Qattar finde ich Sandrosen, ähnlich denen die wir schon in Tunesien zu dutzenden aufgesammelt haben. Das Entstehungsprinzip ist das gleiche: Kapillarisch aufsteigendes Wasser löst Minerale (meist Gips) die im ehemaligen, prähistorischen Seeboden ja reichlich vorhanden sind. An der Oberfläche verdunstet das Wasser und die Mineralien kristallisieren aus.

Anschließend geht’s zurück nach Jubbah wo ich Wasser, Diesel und Vorräte für ein paar Tage in der Wüste bunkere. Auch eine Schaufel wird auf Luxi’s Rücken gepackt, für zu erwartende Einsand-Aktionen. Nicht aus Pessimismus, sondern Realismus 🙂
In der Ortschaft gibt es blühende Gärten …

… und mehrere fragwürdig-kitschige Kreisverkehr-Gestaltungen wie z.B. diese hier:

Zuerst zieht sich noch ein vergleichsweise schmales, aber gutes Asphaltband durch die Landschaft nordwestlich der Ortschaft Jubbah.

Dann wird es wüstenhafter, mit eingesprenkelten kleineren Oasen:


Nach nur etwa 30 Kilometern Piste fängt unmittelbar eine nagelneue Asphaltstraße an. Das ist auch gut so, denn die relativ hohen Dünenberge die jetzt zu queren sind wären auf Sand eine Herausforderung gewesen für den schwer bepackten Luxi.

So aber flitzen regelrecht wir über die Dünenkämme, in denen schöne Sandsteinkuppen langsam im Sand ertrinken.

Verkehr ist natürlich null.

Dann noch eine letzte Mini-Ortschaft, bestehend nur aus einer Tankstelle im sprichwörtlichen Nirgendwo und ein paar unmotiviert herumlungernden Bau- und Bohrmaschinen. Damit endet auch der Asphalt.


Umso schöner wird die Landschaft. Ich kann mich gar nicht entscheiden, wo ich Ruhepausen oder Nachtplätze einlege. Man hat hier wirklich die Qual der Wahl, ein Platzerl ist schöner als das andere.

Praktisch überall findet sich Felskunst, wenn man ein bisserl herumwandert. Hier war vor 7500 – 8500 Jahren alles grün, die Menschen weideten ihr Vieh und aus Langeweile oder Mitteilungsbedürfnis (?) schufen sie kleine Kunstwerke wie diesen unvollendeten Löwen:

Der Tag war lang für mich. Ein Gin & Tonic zum Sonnenuntergang käme mir jetzt gut zupass. Hier in Saudi-Arabien muss es auch ohne gehen …

Blöde Religion(en)! Nicht auszudenken, wenn es im Nahen Osten zur Zeitenwende keinen Wein gegeben oder er Jesus einfach nicht geschmeckt hätte. Welcher Genuß uns dann vielleicht vorenthalten worden wäre!

21.12.2022:
Der Fennek oder Schakal (die Spuren im Sand waren uneindeutig) der sich gestern die Reste meines Abendessens geholt hat, wird hoffentlich zu schätzen wissen, dass es sich um Bioware gehandelt hat.

An dieser Stelle ein paar Worte zum Thema Navigation:
Weil ich manchmal gefragt werde wie ich navigiere, woher ich weiß wohin ich mich wenden soll, etc.
Es gibt ja derzeit keine Reiseführer für Saudi-Arabien die abdecken was so ein Verrückter wie ich hier mache. Was an Literatur erhältlich ist, ist lange vor der touristischen Öffnung des Landes (2019) entstanden und deckt nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Städte ab.
Mir bleibt daher nichts übrig, als mir Satellitenbilder herunterzuladen. Diese verwende ich als Overlay auf dem Tablet, das mir als Navi dient (ich mußte mir in Ha’il ein neues kaufen weil das bisherige nach einem Softwareupdate der Navi-App zu spinnen begonnen hat).

Auf diesen Satellitenbildern sieht man – wenn man weit genug heranzoomt, Pisten bzw. Fahrzeugspuren im Sand. Daran kann man sich grob orientieren. Das geht natürlich nur, wenn man Internet hat und so muss jede offroad-Tour weit voraus geplant werden. Da sitzt man abends stundenlang für eine kleine 100-150km-Tour. Alternative: Man fährt aufs Geratewohl, was ich manchmal mache wenn die Spuren eindeutig in die „meine“ Richtung gehen. Ansonsten geht’s halt im Blindflug, aber da muß man gut aufpassen denn was in die eine Richtung gut befahrbar ist, kann in die andere Richtung ein Ding der Unmöglichkeit sein, z.B. bei einer sehr weichen, sandigen Abfahrt über eine Düne die in umgekehrter Richtung einfach nicht machbar ist.

Auf den Satellitenbildern erkennt man natürlich nicht nur Pisten sondern auch Felsformationen. Die Erfahrung gibt Hinweise auf möglicherweise interessante, außergewöhnliche Strukturen die es sich lohnt anzufahren. Da sind oft auch Nieten dabei. Eventuell wäre das ja eine spannende Aufgabe für künstliche Intelligenz?!

Dann gibt’s Apps wie Google Maps. Hier sind manchmal schöne Spots eingetragen, die Koordinaten sind aber mit Vorsicht zu genießen, nicht jeder Saudi nimmt’s da genau. Oft sind es auch nur Picknickplätze in der Wüste, mit vielen Familienbilder und Selfies. Diesen Käse muß man auch rausfiltern, das kostet wertvolle Lebenszeit.

Nächstes Jahr soll von Bekannten ein Offroad-Reiseführer herauskommen. Den werde ich mir auf jeden Fall zulegen, aber diesmal bin ich halt noch pioniermäßig unterwegs, wenn auch ganz bestimmt nicht der allererste der sowas macht. Die Reaktion mancher Einheimischer und Beduinen läßt allerdings fast an sowas glauben. Wie ein Wesen von einem anderen Stern werde ich und vor allem natürlich Luxi oft betrachtet.

Zurück zum Reisetagebuch:
Rechts von mir erhebt sich in wenigen hundert Metern Entfernung ein kleiner Gebirgszug, dem ich mich langsam, fast parallel fahrend nähere. Dieser dient als Orientierungs- und Anhaltspunkt.

Manchmal folge ich Spuren, aber ich liebe es auch, frei im Gelände herumzufahren. Ich denke, das freie Geländefahren könnte das Äquivalent zu der Faszination sein die das Segeln auf manche Menschen ausübt: Ohne Straßen und Wege, einfach über’s Meer, kreuz und quer wonach einem der Sinn steht. Das wär auch meins, wenn ich nicht so eine elende Landratte wäre. Und so ist eben das Meer aus Sand mein Meer.

Wenn man übermütig oder unaufmerksam wird und eine schwierigere Route um einen Felsen gewählt hat als die leichtere kann’s passieren dass man einsandet. Kein großes Thema. Schaufeln, Sandbleche legen, und das ein paar Mal, immer wieder von vorne.
Das ist zeitweise anstrengend aber kein Problem sondern Teil des Abenteuers.


Der Südrand der Nefūd Wüste wird jetzt geradezu spektakulär schön. Wem da nicht das Herz aufgeht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Irgendwann führen die einzelnen Spuren eine nach der anderen zusammen, Spurenbündel vereinigen sich zu einer gut erkennbaren Piste und alle orientieren sich zu einem Waypoint: Einem Felsentor in großartiger Landschaft.

Weil dieses enge Seiten-Wadi mit seinem Akazienbestand außerordentlich schön ist, fahre ich nach dem Felsentor weiter hinein. Der Sand wird aber bald extrem weich und tief.
Diesmal ist es eine längere Schaufelaktion, weil ich nicht in einer Spur bleiben sondern gegen die Spuren umdrehen muß. Fast bis zur Hinterachse stecke ich im Sand. Auf den Fotos kommt das nicht so wirklich rüber aber das Gelände sieht danach schon ziemlich umgeackert aus 🙂

Es geht wunderbar weiter entlang des Gebirgszuges. Ich könnte hunderte Bilder hochladen, in Natura sieht alles noch viel besser aus.

Der Sand wird manchmal sehr, sehr weich und ich muss für die Dünenanstiege nochmal ordentlich Luft aus den Reifen lassen. Vorne bin ich jetzt auf 1,2 bar, hinten bei 2 bar.
Das halten die Pneus mit dem Gewicht gerade noch so aus (mit ein wenig Reserve), ich muß langsam fahren. Aber das macht nichts, ich brauche eh Zeit zum Schauen.

Jedenfalls ist es erstaunlich, was der jetzt ziemlich extrem reduzierte Reifendruck ausmacht. Die Traktion erhöht sich merklich und ich surfe durch den weichen Sand, dass es eine reine Freude ist.
Umso mehr muß ich mich vor den im Sand versteckten Steinen in acht nehmen. Bei so wenig Druck gehen die Reifen schnell kaputt oder lösen sich in zu schnell genommenen Kurven von der Felge.

Übernachtet wird in herrlicher Einsamkeit auf einem ehemaligen Seeboden.


In der mondlosen Nacht glitzern Millionen Sterne.

22.12.2022:
Heute bin ich mehr zu Fuß als mit dem Auto unterwegs. Es ist ab Mittag meist bewölkt, da kann man gut gehen ohne allzu sehr ins Schwitzen zu kommen: Maximal 26 Grad im Schatten nach einer wieder mal kühlen Nacht.
Weiterhin herrliche Gegenden mit manchmal abgerundeten, manchmal bizarr-kantigen Sandsteinfelsen.
Hier mal ein Blick in die andere Richtung, vom Gebirgszug runter in die Ebene auf der ich in diesen Tagen unterwegs bin:

Weitere Landschaftsbilder lasse ich weg, ohne Sonnenschein sieht das zwar in Natura gut aus, kommt auf Fotos aber nicht realistisch rüber. Ich fotografiere ja ohne Kamera, Filter und Zoom, nur mit dem Handy. Daher gibt es auch keine guten Bilder von den majestätisch über den Bergen schwebenden Adlern. Apropos Vögel: Wie in einsamen Gegenden der Sahara sind auch hier die Schwalben und Weißbürzelsteinschmätzer alles andere als scheu. Es scheint als ob sie in Gegenden wo sich nicht viel bewegt die Nähe der Menschen suchen würden. So quasi „Ah, es gibt noch Leben außer mir – wie schön!“ Die Steinschmätzer beobachten mich meist aus der Fluchtdistanz von etwa 10 Metern, aber die Schwalben schießen so richtig um mich herum, weniger als 2 Meter vor mir kreisen und tschilpen sie, ich könnte sie fast berühren.

Die Natur bringt jetzt nach dem Regen von vor etwa 10 Tagen zarte Gräser, frische Triebe und sogar Blumen hervor. Büsche beginnen meist unscheinbare Blüten zu zeigen.

Neben alten Felsbildern gibt es auch solche wesentlich jüngeren Datums :).
Jemand muß schon vor mir hiergewesen sein und Eindruck gemacht haben:

Am Abend besuchen mich weiße Kamele, die hier in einem Wadi gutes Futter finden.

23.12.2022:
Es wird mehr Futter für die Tiere geben, denn heute Vormittag regnet es zeitweise. Ich mache Weihnachtsputz, montiere hier und da was beim Auto und mache organisatorisches.
Dann fahre ich etwa 60 Kilometer in Richtung der nächsten kleinen Ortschaft Ash Shamli um ein Mobilfunknetz zu finden. Dabei werde ich von – ohne Übertreibung! – Dutzenden Leuten eingeladen.

Ein Apotheker reicht mir ungefragt einen 3-Kilo-Beutel Obst durchs Autofenster.
So bestochen, muss ich ihm wohl seine Bitte erfüllen und auf einen arabischen Kaffee zu ihm kommen. Er sagt zum Abschied, mein Besuch wäre ihm genau so viel Wert gewesen wie ein Geschenk von einer Million Dollar.
Auch abzüglich der üblichen morgenländischen Übertreibungen fand ich das sehr nett von ihm 🙂 .

Ich werde in Zukunft doch das Auto wieder absperren müssen um zu verhindern, dass mir Leute Geschenke ins Auto legen. Das Absperren habe ich mir in den letzten Wochen schon abgewöhnt (im Ernst: Zündschlüssel stecken lassen, Autofenster offen, Geldbörse am Beifahrersitz. Ganz normal. Mache ich ständig. Niemandem hier würde im Traum einfallen was zu stibitzen.)

24.-27.12.2022:
Ich bin schon früh auf den Beinen. Kaum kann ich es erwarten wieder in die Darfur Wüste zu kommen. 60 km nach der Ortschaft Ash Shamli fahre ich von der Straße ab. Mein Glück ist, dass die rotfarbige Piste die mich nach Norden führt, erst in den letzten Tagen frisch geschoben wurde. Die Schubraupe hat das Wellblech gut ausgebügelt.

Bei einer kleinen Streusiedlung mit Brunnen biege ich von dieser Piste ab und fahre frei im Gelände bzw. orientiere mich nach vorhandenen Spuren.
Der Regen hat den sandigen Untergrund zwar fester gemacht, der feuchte Sand klebt andererseits auch das Reifenprofil zu. In der Ebene hat man damit kein Problem, sobald es bergab- oder bergauf geht (und das tut es ständig), wird es manchmal schwierig.

Ab und zu Sandschaufeln gehört wie schon gesagt dazu.
Ich hab‘ ja Zeit und es macht mir nichts aus. Festgefahren im Sand ist besser als festgefahren im Alltag.

Es folgen wunderbare Tage in atemberaubender Landschaft. Ich hab ja das große Glück schon ein bissl was gesehen zu haben auf diesem Planeten – die Felsformationen hier gehören zu den absoluten Highlights für mich.

Die Natur zeigt sich mit immer mehr Blüten und einer wahren Armee aus unzähligen roten behaarten Raupen. Die ersten Schmetterlinge tanzen schon.
Auch eine Agame mit blau schillerndem Oberkörper kann ich beobachten, vermutlich eine Sinai-Agame (?).

Ich mache wieder lange Spaziergänge, klettere auf Dünen und Felskuppen und erforsche Gipfel und Hochtäler. Dann fahre ich wieder genussvoll-langsam mit dem Auto durch die Gegend – es ist herrlich.
Alle paar Meter ändert sich die Perspektive, dann erscheinen die Felstürme, -finger, -pilze und -bögen aus anderem Blickwinkel und daher in anderen Facetten. Manche sehen aus wie Zwerge, andere balancieren Köpfe auf ihren Schultern und wieder andere sehen aus wie ein Ufo, das soeben gelandet ist und die Ausstiegstreppe ausgefahren hat:

Es geht ums Genießen, um’s Sein. Das kann ich hier in vollen Zügen genießen. Was bin ich froh, dieses Jahr nichts von all dem Weihnachts-Bling-Bling mitbekommen zu haben. Mit genügt das in der Natur sein, diese wunderbare Landschaft genießen zu dürfen. Ohne Menschenmassen, ohne Konsumwahnsinn.
Es gibt eine arabisches Sprichwort das mir gut gefällt: „Allah hat aus der Wüste alles Überflüssige verbannt, damit es einen Ort gibt wo er in Frieden wandeln kann“.
Nun, mag sein aber hier hat er jedenfalls eine Galerie aus Felskunstwerken stehen lassen. Mich freut’s.

Natürlich ist die Stille und Einsamkeit hier nicht jedermanns Sache. Ich bin ein seltenes Exemplar und mag’s halt.

Interessant ist übrigens: Diese Sandsteinformationen bestehen im inneren aus weißem (!) bis hellbeigem grobkörnigem Sand. Zu sehen ist das an kleineren und größeren Abbruchstellen wie z.B. hier:

Das heißt, ohne den Wüstenlack wäre das alles blendend weiß! Kaum vorstellbar, wie phantastisch das dann erst aussähe.

28.12.2022:
Am Morgen rumple ich durch zeitweise recht weichen Sand zu einer besonderen Stelle. Die Natur hier hört einfach nicht auf mich zu beeindrucken.
Wie mit einem Präzisionslaser geschnitten scheint dieser Felsbrocken, dessen zwei Hälften noch dazu auf kleineren Sandsteinpodesten stehen um den optischen Effekt noch zu verstärken:

Auch danach geht es den ganzen Tag weiter mit schönen Felsformationen entlang einer kaum befahreren, guten Asphaltstraße.

Das erste Bild in der kleinen Galerie oben ist ein Babyelefant, klar.
Aber die beiden nächsten Bilder, ist das
a) Eine Nähmaschine
b) Eine Biene die Larven füttert oder
c) Ein Alien aus einem Steven Spielberg Film?

Es geht dann durch eine Landschaft, die mich abwechselnd an Australien und dann wieder an Ägypten erinnert, samt Kamelen …

… und das alles innerhalb von nur 140 Kilometern.
Direkt neben der Straße dann wieder ein wunderbarer doppelter Felsbogen.

Irgendwann können meine Augen und mein Hirn das alles nicht mehr fassen.
Ich suche mir daher einen potthäßlichen Nachtplatz und wandere noch ein bisserl in der Abendsonne durch die Gegend.

29.12.2022:
Ein guter Tag beginnt mit einem Apfel. Der aus dem örtlichen Supermarkt ist wohl entlang der Brennerautobahn gewachsen.

Was den Tag aber erst so richtig schön macht, ist ein herrlicher Felsenbogen im Vormittagslicht:

Ich fahre auf gut Glück in eines der sandigen Wadis gleich „nebenan“, diese Expedition endet aber in üblen Basaltfeldern. Kindskopfgroße Lavasteine zwischen dem weichen Sand, da gibt’s kein Durchkommen wenn man seinen Luxi nicht allzu sehr schinden will.
Es ist das erste mal, dass ich in Saudi-Arabien Basaltschlote sehe. Diese sind von weicherem Sandstein umschlossen und erodieren daher langsamer. Ob das vor Millionen Jahren vielleicht unterseeische Vulkane waren die dann vom Meersand bedeckt wurden der später versteinerte?

Zu allem Überfluß hab ich mir bei der Durchfahrt unter einem Akazienbaum die Verstärkerantenne am Dach abgerissen. Diese sorgt normalerweise dafür, dass ich auch weitab von Funkmasten oft ausreichenden Empfang habe. Gottseidank ist ihr nix schlimmes passiert.

Wohin man schaut, Weltklasse-Landschaften, ich kann mich nicht satt sehen.
Mir ist klar, dass das auf den Fotos längst nicht so faszinierend ausschaut wie in Natura, trotzdem stelle ich die Bilder hier rein. Ist ja (auch) für mich als Erinnerung gedacht.

Was man hier auch immer wieder sieht, sind Wüstenmelonen. Sie sind so bitter, dass nicht mal die Kamele sie anrühren.
Wenn man nur einen Hauch davon auf die Lippen oder die Zunge bekommt, kriegt man den bitteren Geschmack stundenlang nicht mehr aus dem Mund.

Am späten Nachmittag fahre ich in die nächste größere Stadt, Al’Ula. Kulturschock nach den stillen, fast einsamen Wochen in der Wüste!

Alles hier ist extrem kommerzialisiert und für einheimische Touristen aufbereitet. Schöne Felsformationen z.B. sind abgesperrt und nur von 13-23 Uhr zugänglich, wie dieser „Elephant Rock“ …

… die aus Lehm gebaute Altstadt wird kitschig-neu aufgebaut, remmi-demmi überall.
Ich nenne es „gehyptes Disneyworld für Saudis“.
Das ist ganz und gar nix für mich, ich flüchte nach weniger als 24 Stunden in Al’Ula.

Der Plan ist jetzt: Auf nach Dubai wo ich Heidi am Flughafen abholen will und dann fahren wir gemeinsam in den Oman. Das sind gute 2000 km von Al’Ula bis Dubai. Kein Problem, auf geht’s.

30.+31.12.2022:
Autobahnfahrt, zu Silvester komme ich gerade rechtzeitig nach Riyadh um ein tolles Feuerwerk der Erdölgesellschaft Saudi Aramco zu sehen (bei Dienstschluss um 18 Uhr 🙂 )
Dann treibe ich mich noch ein wenig in Riyadh umher um den ärgsten rush-hour Verkehr abzuwarten und fahre gegen 23 Uhr fast staufrei durch die Stadt durch. Ein freies Feld zum Übernachten ist schnell gefunden.

01.01.2023:

Den Tag werde ich so schnell nicht vergessen.
Gegen 8:15 Uhr bin ich voller Vorfreude auf der Autobahn unterwegs, die Straße ist gut und trocken. Plötzlich ein Stoss von hinten, Luxi beschleunigt kurz wie von der Tarantel gestochen, dreht sich dann quer zur Fahrbahn und ich bin machtlos, verliere die Kontrolle.

Es wirft uns auf die rechte Seite, das Fahrzeug schlittert seitlich liegend über die Autobahn, dreht sich langsam und ich denke an den alten Witz „Jetzt wäre es grad günstig, das Auto ohne Grube abzuschmieren.“
Alles passiert scheinbar in Zeitlupe. Gottseidank bin ich angeschnallt, sonst hätte es mich bestimmt durch die Fahrerkabine gewürfelt.
Kurz vor dem Stillstand schleudert es Luxi wieder auf die Räder und er steht da als wäre nichts passiert. „Nanu“, scheint er zu sagen, „was war das denn?. Egal, lass uns weiterfahren!“

Nun lieber Luxi, Du wurdest von einem Soldaten der Luftwaffe (wie passend!) abgeschossen. Das ist passiert.

Kaum bin ich ausgestiegen und versuche zu realisieren wie sich das alles abgespielt hat, winkt mir ein Autolenker zu. Ich weiß im ersten Moment nicht mal ob das mein Unfallgegner ist. Doch dann stellt sich heraus: Seine rundum-Dashcam hat den Unfall aufgezeichnet und er ist netterweise stehengeblieben um Bescheid zu geben was passiert ist.

Luxi und ich sind unverletzt (außer ein paar kleinen Schrammen am Kotflügel und einem zerbrochenen Rückspiegel), aber die Wohnkabine sieht gar nicht gut aus.
Ebenso wie das gegnerische Fahrzeug.

Mehrere Polizeifahrzeuge sind bald zur Stelle und ich schnaufe erstmal durch. Niemand spricht Englisch, außer der jungen Mitfahrerin im Zeugenauto. Sie spielt das Video auf das Handy der Polizisten und dann auch auf meins.
Dieses Video wird in den nächsten Stunden und Tagen extrem hilfreich, das ist mir jetzt schon klar und ich bedanke mich überschwänglich bei den Leuten.
Hier ein Link zum Video des Unfalls (beginnt nach ca. 15 Sekunden, die Qualität ist nicht überragend weil es ein mit dem Handy abgefilmtes Video der Dashcam ist – aber man kann’s schon grob erkennen: https://youtube.com/shorts/6sMdyo3y-UA?feature=share

Nach ein paar Stunden gibt die Polizei die Fahrzeuge frei und ich versuche herauszufinden wie die weitere Vorgangsweise ist. Erstmal muss ich in die nächste Stadt Al Kharj fahren, weil in diesem Distrikt der Unfall passiert ist und dort zur Traffic Police. Man gibt mir einen Zettel mit der Unfallnummer.

Ich fahre also nach Al Kharj und nachdem die Polizisten mit dem Mittagsgebet fertig sind bekomme ich einen Unfallbericht ausgehändigt. Auch hier kein Englisch oder maximal 5,6 Worte. Gut, mein arabisch ist auch ausbaufähig. Das Problem ist nur: Sobald ich ein bisserl was auf arabisch sage, kommt ein rasanter Wortschwall in meine Richtung retour, weil ich ja offensichtlich „eh arabisch kann“. 🙂

Es ist jetzt 13:30 Uhr, ich hatte weder zu essen noch zu trinken. Ich komme ja nicht in die Wohnkabine rein wo Wasser und Frühstück warten würden, die Türe ist völlig verklemmt und wie zugeschweißt.
In dieser Situation erscheint wie durch ein Wunder ein Saudi der ausgezeichnetes Englisch spricht. Adil und sein Sohn Chaled (ja genau, wie der coole algerische DJ) kommen wie gerufen. Sie laden mich auf ihre kleine Farm ein wo es Werkzeug gäbe sagen sie und sie versorgen mich auf der Fahrt gleich mit einer Riesenportion Reis und Chicken. Ich bin nicht in der Verfassung um lange über die Menüwahl zu diskutieren 🙂

Die Farm stellt sich als kleines Grundstück mit Ziegen, Schafen und Hühnern heraus, dazu gibt’s ein Beduinenzelt, Wasseranschluß und ausreichend Platz. Den benötige ich auch nachdem ich die Türe mit roher Gewalt aufgebrochen habe um dem Chaos im Wohnaufbau-inneren Herr zu werden. Es schaut schlimm aus:

Fast die gesamte Technik ist hinüber, einzig der Strom funktioniert dank der robusten, lageunabhängigen Lithiumbatterie.
Alle Schränke und Sitzgelegenheiten sind verzogen, Oberschränke bestehen zum Teil nur noch aus Kleinholz. Die Heckklappe hat eine bauchige Rundung und lässt sich bei weitem nicht schließen. Das Loch an der Decke ist so groß, dass es morgen reinregnen wird, Schlechtwetter ist angesagt.
Die Gasleitung ist undicht (?) und der Wassertank ist aus seiner Verankerung gehoben, die Pumpenanschlüsse abgerissen. Das heißt kein Wasser, schon gar kein warmes.
Es ist unbegreiflich, wie manche Sachen quer durch die Kabine geflogen und in geschlossenen (!) Schränken zwischen der Wäsche gelandet sind.
Adils Söhne Chaled und Abdullah helfen bei den groben Arbeiten ein klein wenig mit.
Bis spät in die Nacht arbeite ich bis es einigermaßen soweit ist, dass ich die Eingangstüre schließen und zumindest notdürftig in der Kabine schlafen kann.
Am Abend sitzen wir gemeinsam im geräumigen Beduinenzelt wo in der Mitte ein qualmendes Lagerfeuer brennt.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung.

Das Jahr hat ja schon mal super angefangen. Gratuliere liebes 2023! Was hast du sonst noch in petto?

02.01.2023:
Die Hähne haben mich früh geweckt, nicht dass ich besonders gut geschlafen hätte.

Die Aufräumaktion geht weiter, immer wieder rieselt Sand und Autobahndreck aus den Ritzen.
Provisorisch dichte ich das Loch im Dach ab mit was auch immer zur Verfügung steht: Plastik, Tape, ein Stück Österreichfahne …

Nachdem ich in der Wohnkabine einigermaßen Platz geschaffen habe sodass man sich im Inneren wieder bewegen kann fahre ich gegen Mittag die 60, 70 Kilometer nach Riyadh zurück.
Mein erster Stop ist bei Taqdeer, das ist eine Einrichtung die man sich wie die Fahrzeugprüfung der Landesregierung bei uns vorstellen kann. Recht modern und sehr professionell. Hier soll der Schaden begutachtet und finanziell eingeschätzt werden.

Alle Angestellten hier sind wahnsinnig nett und hilfsbereit, einer der Jungs kann passables Englisch.
In der Betriebsküche – sie sieht auf dem Foto sauberer aus als sie ist – darf ich in meinen Kochtöpfen Wasser heiß machen und im Sanitärbereich damit duschen.

Die Schadens-Schätzung soll ich dann morgen per Email bekommen.

03.01.2023:
In Riyadh gibt es ein mehrere Werkstattviertel. Eines davon ist so groß wie eine Kleinstadt: Eine unübersehbare Ansammlung meist kleiner Workshops, von Reifenspezialisten bis Sitzbezugs-Schneidereien, von Auspuff- und Kühlerflickern bis hin zu Drehern und Schweißern. Es ist ein extrem lautes, nur scheinbar gesetzloses Chaos wo jeder versucht nicht unterzugehen. Fahren die Araber schon auf normalen Straßen wie die Verrückten, so herrscht hier verkehrsmäßig nur mehr das Gesetz des Dschungels, es regiert der Stärkere und/oder waghalsigere.
Die Arbeiter sind meist Inder, Pakistani und Jemeniten. Die Tage verbringe ich hier zwischen Werkstätten, fahre von Pontius zu Pilatus und erreiche wenig. Aber ich verschaffe mir zumindest einmal einen Überblick was geht und was nicht.
Es sieht nicht gut aus, an dieser Wohnkabine mit ihren strukturellen Schäden will sich niemand die Finger verbrennen. Ich betone immer wieder, dass ich niemandem die Verantwortung zuschieben werde wenn eine Reparatur schiefgeht, aber ich bekomme nur freundliche Absagen und Tipps wo ich es vielleicht noch versuchen könnte.
Es ist anstrengend und höchst frustrierend.

Am Nachmittag kommt die Schätzung von Taqdeer wie versprochen per mail:

Der Schaden wird mit 15000 Rial angenommen. Ein Euro entspricht etwa 4 Saudi-Rial, das heißt also ich bekäme weniger als 4000 € Schadenersatz. Na, super!

Ich schaffe es dann zumindest noch die rechte Vorderfelge und den zerbrochenen Rückspiegel reparieren zu lassen.
Was für eine magere Ausbeute für den ganzen Tag herumlaufen, -fahren und diskutieren.

Trotz Schrottkiste am Buckel bin ich für viele Einheimische noch immer Attraktion und „SocialMedia-Star“ 🙂
Anm.: Österreich heisst auf arabisch „Nemsa“.

04.01.2023:
Heute habe ich etwas mehr Glück. Zum einen treffe ich im Werkstattviertel Fahad, einen jungen Rettungssanitäter der ausgezeichnet Englisch spricht und mir kurzerhand nach seiner 12-Stunden-Schicht unermüdlich zur Seite steht. Wir schaffen es gemeinsam, einen wichtigen Ersatzteil für die Wasserpumpe zu bekommen (vermutlich beim einzigen Importeur dieser Pumpen im gesamten Königreich), die Gasleitung wird von einem Bangladeshi für dicht erklärt – was auch immer das heißen mag – und der Riss im Wasserboiler kann erfolgreich repariert werden. Abends kann ich somit warm duschen. Kleine Fortschritte für die man dankbar sein muß.

Manchmal komme ich mir ja vor wie der Überlebende eines Flugzeugabsturzes, der versucht die brauchbaren Teile des Wracks irgendwie zu Überlebensnotwendigem zusammenzustoppeln.
Mein Bonus: Abends kann ich immer sehr gut essen gehen.

05.01.2023:
Es hat in der Nacht geregnet und kühlt empfindlich ab. Die Wohnkabine habe ich mit einer Plastikplane notdürftig gegen den Regen abgedeckt.
Bei Taqdeer beeinspruche ich die Kostenschätzung und muss bis Sonntag auf das Berufungsergebnis warten.
Ich nehme mir für ein paar Tage ein Hotelzimmer in der Innenstadt und mache Pause. Am Wochenende erreiche ich sowieso kaum etwas.

08.01.2023:
Ich einige mich mit der Schadensbewertung, erledige noch ein paar dringende Reparaturen und dann – was ich vor einer Woche nicht für möglich gehalten hätte – setze ich die Reise fort.
Die gelben Billboards an der Stadtautobahn von Riyadh schreien heraus, was seit Tagen eh schon die Spatzen von den Dächern rufen: Ronaldo spielt seit dieser Woche hier in Saudi-Arabien, beim Hauptstadtklub! Geld schießt halt doch manchmal Tore.

Für mich hingegen geht es wieder nach Südosten, an der Unfallstelle vorbei und immer weiter.
Die Sonne scheint zumindest zeitweise, es ist wesentlich wärmer als an den letzten beiden Tagen.
Im Radio läuft abwechselnd Rockantenne Bayern und die manchmal schnulzig-emotionalen Songs von Country Antenne. Aber letzteres macht gar nix, ich fühl‘ mich gerade emotional aufgeladen und lasse dieses schöne Gefühl gerne zu.

Preisfrage: Wer weiß was das untere Schild bedeutet?

09.01.2023:
Ein Tag fast ereignisloser Fahrt. Ich freu‘ mich einfach nur, dass es weiter geht.
Etwa 40 Kilometer vor der Grenze zu den Emiraten biege ich rechts das heißt nach Süden ab und befahre die erst seit einem Jahr in Betrieb befindliche Straße, die Saudi-Arabien direkt mit dem Oman verbindet, dabei die Vereinigten Arabischen Emirate umgehend.
Nur ganz selten gibt es interessantes zu sehen wie diese attraktiven Gips(?)felsen neben dem Highway …

… der meiste Teil der Strecke ist flaches Wüstenland, nur manchmal von kleinen, maximal 10 Meter hohen gelben Dünen begleitet.

Die Grenzstation zum Oman in der berühmt-berüchtigten Wüste Rub-al-Khali (die größte Sandwüste der Welt) ist nur mehr ein paar hundert Kilometer entfernt.
Der nächste angeschriebene Ort Shaybah ist lediglich eine Ölarbeiter-Siedlung. Bis dahin gibt’s nicht viel außer einer oder zwei Tankstellen.

10.01.2023:
Heute werden im Lauf des Tages die Dünen immer höher und die neue Straße windet sich zwischen diesen wunderschönen Dünenbergen hindurch, immer wieder sogenannte „Gassis“ (flache Ebenen zwischen den Dünen) suchend.


Viele dieser Gassis sind von sehr weichen Salztonpfannen geprägt. Wenn man hier abseits der Asphaltstrasse fährt, sandet man sehr schnell ein und muss ordentlich Luft aus den Reifen ablassen um nicht steckenzubleiben. Weil das mit ziemlich viel Aufwand verbunden ist (vor allem das Wiederaufpumpen) habe ich letzte Nacht nur ein paar Meter neben der Straße verbracht. Der praktisch nicht-existente Verkehr nachts stört nicht, vor allem wenn man sowieso hundemüde ist.

Apropos Verkehr: Dieser besteht zu gefühlt 90 % aus LKWs die die Ölfelder hier im Empty Quarter mit Material, Ausrüstung und dem Lebensnotwendigen versorgen.

Der Sandwind aus Süden wird immer stärker, es weht die Sandkörner quer über die Straße.
Manchmal wachsen auf der Leeseite Sandzungen auf die Fahrbahn.

Manche Tankstellen hier in der Einsamkeit sehen ebenso abenteuerlich und zusammengeschustert aus wie der lädierte Luxi.

Einen guten halben Kilometer neben dieser Tankstelle sehe ich eine neue Zeltsiedlung. Das wird doch nicht …?
Tatsächlich! Ich habe per Zufall das Camp 7 der heurigen Dakar Rallye gefunden!
Die Fahrer kommen erst morgen abends an. Ich rede mit dem freundlichen französischen Campleiter Olivier der mir erlaubt mich nach Lust und Laune umzusehen. Auch das längere Gespräch mit dem britischen Cateringchef ist sehr nett und interessant. Für mich sind das die ersten Europäer seit langem.

Gerne wäre ich geblieben um mir das Etappenfinish morgen anzuschauen. Aber ich hab‘ einen dringenden Termin im Oman … Also weiter.
Die Dünen werden immer höher und schöner. Manchmal gibt es in den Gassis glasklare Salzseen mit extrem hohem Salzgehalt:

Parallel zur neuen Straße verläuft eine ältere Versorgungsstraße für die Ölfelder.
Diese wird langsam aber unaufhaltsam vom Sand verschluckt:

Irgendwann im Laufe des Tages erreiche ich Schaybah, eines der wichtigsten Ölfelder der staatlichen saudischen Erdölgesellschaft ARAMCO. Aus 1500 Metern Tiefe werden hier enorme Mengen an Öl und Gas gefördert.
Vielleicht erinnert man sich an die kurze Nachrichtenmeldung vor wenigen Jahren, als im August 2019 dieses Ölfeld als Vergeltung für den saudischen Angriffe im Jemen mit Drohnen attackiert wurde. Dieser bei uns fast vergessene Krieg zwischen Saudi-Arabien und den Huthi-Rebellen im Jemen dauert übrigens auch 2023 immer noch an.

Die Straße ist in diesem Bereich kilometerlang eingezäunt, der Zaun verläuft mitten durch Dünen.

11.01.2023:
Ich habe abseits der Straße geparkt und bis in die Nacht hinein an der Wohnkabine herumgeschraubt.
Am Morgen sehe ich extrem breite Reifenabdrücke.

Nachdem es Yeti vermutlich auch nicht in der Wüste gibt, müssen das Reifen von einem Monstertruck sein. Und tatsächlich sehe ich bald mehrere dieser Ungetüme, die die weichen Dünenhänge hinauffahren als wäre es das einfachste auf der Welt. Die Traktion mit diesen Ballonreifen ist gigantisch, kaum eine Düne kann damit nicht bezwungen werden.
Warum die Dinger hier unterwegs sind?
Mittels Reflexionsseismik-Apparaten am Bauch der Trucks werden tief im Erdinneren Öl- und Gasfelder erkannt.
Sie machen dabei einen Höllenlärm.

Ein paar Stunden fahre ich noch durch wunderschöne Wüstenlandschaften …


… dann ist die Grenze zum Oman erreicht. Riesige moderne aber fast menschenleere Abfertigungshallen warten auf Luxi und mich.
Aber vorher schnell nochmal um umgerechnet 0,24 Euro pro Liter volltanken 🙂
Die in Saudi-Arabien sonst üblichen 0,16 Euro gelten hier in der Einöde der Wüste mit den langen Lieferwegen von der Raffinerie nicht, das ist mehr als verständlich.

Weiter zu Transafrika: – Teil 7: Oman I

Die folgende Karte beinhaltet die bisherigen Fahrten (lt. GPS-Aufzeichnung).
Die Karte ist zoom- und verschiebbar.

*) „Rock art landscapes beside the Jubbah palaeolake“, Richard Jennings et al. (frei im Netz verfügbar nach Anmeldung auf der Academia.edu Webseite)

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4 Antworten zu Transafrika – Teil 6: Saudi-Arabien II

  1. Heidi sagt:

    Mein verrückter Abenteurer,
    ich hoffe sehr, dass du bei deinen zum Teil doch auch waghalsigen Unternehmungen mit Luxi vielleicht doch auch ein paar Kamele im Schlepptau mitführst, damit dich diese wieder sicher aus der Wüste bringen, falls du dich doch einmal festfahren solltest. Auf meine Hilfe beim Sandblech schleppen, musst du diesesmal ja verzichten. Ich vergnüge mich derweil daheim bei doch schon erheblichen Minusgraden im wunderbaren Pulverschnee – was für ein Kontrastprogramm. Grüsse und tausend Küsse.

  2. Damberger Charlotte sagt:

    Grüß dich lieber Max !
    Vor den Sandshapern mit ihren abgebrochenen Metallsplittern, die dir eine Reifenpanne bescheren können( uns in Namibia ) sowie diese Akaziendornen ,die nicht nur deinen zarten Füssen schmerzhafte Wunden zufügen, hab ich heiligen Respekt.
    Den Respekt brauch ich nicht mehr ich geb ihn dir weiter.
    Max gute Weiterfahrt und toi toi toi für deine Zecherl

  3. Damberger Charlotte sagt:

    Lieber Max, du hast wieder wunderbare Bilder aufgenommen und
    interessante Enddeckungen gemacht.
    Die Menschen überraschen dich immer wieder mit Ihrer Freundlichkeit und Ehrlichkeit — für uns eher ungewöhnlich —
    freu dich darüber.
    Schöne Grüße aus der Heimat und eine gute Weiterfahrt.

  4. Wolfgang Stumtner sagt:

    Hallo Max, unglaublich was du so alles erlebst. Und dann noch deine Berichte. Dir gelingt es, deine Eindrücke und Erlebnisse so interessant wiederzugeben, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße
    Wolfgang und Ilse