Iran 2018 Teil 5: Zwischen Tabris und Zandjan

Hier geht’s zurück zum Teil 4 des Reisetagebuches.

Wir verbringen noch ein paar Tage in Tabris mit Schlendern durch den riesigen Basar, der Besorgung einer lokalen Simkarte für’s Internet von Irancell und viel Plaudern mit netten Menschen.
Ein Schmied im Basar, beim Schmieden von Spitzhacken:

War der Parkplatz der Mount Eynali Kabinenbahn unter der Woche so gut wie leer, ändert sich das am Wochenende grundlegend: Obwohl es zeitweise regnet, pilgern am Donnerstag und Freitag (das hiesige Wochenende) hunderte Einheimische sportlich zu Fuss oder eben mit der Seilbahn auf den Berg. Wir werden komplett zugeparkt, aber das macht nix. Ich muss sowieso mal einen Arbeitstag einlegen…

Eine ganz besondere zufällige Begegnung haben wir mit Jalal, einem unheimlich netten jungen Mann, der u.a. selbständig als Berater tätig und viel im Ausland unterwegs ist. So fliegt er übermorgen nach Wien um an einer Konferenz des Austrian Institute of Technology (AIT) teilzunehmen.

Jalal spricht hervorragend Englisch, sogar ein paar Brocken Deutsch hat er drauf. Wir verbringen einen spannenden Abend gemeinsam in einem sehr guten Restaurant. Die Highlights der lokalen Variante der persischen Küche werden aufgetischt und wir müssen uns die Reste einpacken lassen. Diese werden noch für 2x Essen reichen :).

Übrigens: Dass Tabris mal an der Seidenstrasse lag, sieht man hier:

14.4.2018
Der Tag beginnt mit einem Paradebeispiel iranischer Gastfreundschaft. Unsere Gasflasche ist leer und wir suchen eine Möglichkeit, diese wieder Auffüllen zu lassen. Natürlich kann ich auch selber „ummascheissn“ und mühsam selbst umfüllen. Ich probier’s aber erst einmal beim erstbesten Händler der auf Open Street Maps mit „Flüssiggashändler“ angegeben ist. Der hat leider nur CNG-Autogas. Ich werde kurzerhand mitsamt der leeren Gasflasche in das Privatauto von Kunden verfrachtet (die können kein Wort Englisch aber wir verstehen uns auch so) und noch bevor Heidi mitbekommen hat was überhaupt los ist, kurven die beiden mit mir durch die halbe Stadt.
Mitten zwischen Wohnhäusern hat hier ein Propanhändler seine Abfüllstation, mit einem geschätzt 2000 Liter Flüssiggastank. Also ich würde hier nicht ruhig schlafen können …
Jedenfalls ist meine Flasche schnell abgefüllt und meine beiden Begleiter zahlen. Ich darf keinen müden Rial ablegen. Dann ruft Mehdi, ein Freund der Beiden an, dieser spricht gutes Englisch und wir müssen einen Umweg über dessen Restaurant machen. Keine Widerrede. Ich werde begrüßt wie ein lange verschollener Freund, unzählige Selfies werden geschossen und nur weil ich klarmachen kann dass Heidi wartet. ohne zu wissen wo ich bin, lässt mich Mehdi wieder ziehen. Aber nicht ohne mir als Geschenk ein grosses Lunchpaket mit gegrilltem Spiess und Beilagen mitzugeben.

Erlebnisse dieser Art haben wir immer wieder. Zahlt man in Europa als Tourist oft mehr, bekommen wir hier „Touristenrabatt“! Heidi’s Friseurinnen z.B. lassen alle anderen Kunden stehen und stürzen sich voller Begeisterung auf sie. Nein, nein – Geld nehmen sie keines. Auch beim Barbier (ich lasse mich gerne genussvoll rasieren), zahle ich weniger als die Einheimischen. Umgerechnet etwa 0,60 Euro.
Was wir so zwischen den Zeilen mitbekommen, ist es den Iranern extrem wichtig uns gegenüber zu zeigen, dass sie (Zitat) „nicht alle Terroristen seien“ und dass das Bild das unsere Medien vom Iran zeichnen geprägt sei von (Zitat) „diesen idiotischen, ungebildeten Analphabeten die unser Land regieren“.
Wir bekommen sie von vielen, vor allem jungen Menschen hier zu hören und zu spüren: Diese unheimliche Wut auf die Mullahs, die den Jungen keine Freiheiten lassen und mit ihrer Politik die Sanktionen des Westens provozieren.

Wir fahren dann etwa 30 km aus der Stadt raus zu einem relativ unbekannten Naturwunder: Die farbigen Hügel von Khajeh. Die weichen und nach dem Regen lemig-klebrigen Hügel strahlen in wunderbaren Rot- und Ockertönen.
Und ist es zu fassen? Was woanders zumindest ein geschütztes Naturdenkmal wäre, wird hier als Mülldeponie missbraucht.

15.4.2018
Nachdem ich noch eine Stunde auf und zwischen den farbigen Hügeln rumgestiefelt bin, wird dem Hilux mal wieder eine Wäsche gegönnt. Die Reifen von Lehm verklebt und das restliche Auto über und über mit Lehmklumpen „verziert“ sind wir so echt nicht mehr herzeigbar.

Unser nächster Stop ist das Schigebiet des 3750m hohen Vulkans Sahand.

(Der Grafiker ist wohl noch nie auf Skiern gestanden :))

Je höher wir kommen, desto dichter werden die Wolken und bei dichtem Schneetreiben kommen wir endlich am Fuss des schlafenden Vulkans an. Wir richten uns gemütlich ein und warten auf die für morgen angekündigte Wetterbesserung.

16.4.2018
Der Tag beginnt eisig kalt, alles ausserhalb der Wohnkabine ist tiefgefroren. Wieder mal hat uns die Standheizung gerettet (danke Gofi!).
Eine Gruppe der Tabris Mountaineering Club (inklusive 3 Mädels) macht hier einen Ausbildungstag, manche von ihnen sprechen passabel Englisch und erklären uns wie wir zum höchsten Gipfel hier kommen. Man sieht ihn nämlich noch nicht von unserem Standort aus.
Dann gehen wir los, nur kurz müssen wir die Schi tragen, dann sind wir auf lockerem Pulverschnee mit Altschneeunterlage.

Das Ziel zeigt sich zum ersten Mal, hier in der Bildmitte. Alles sieht näher aus als es ist, die trockene Luft sorgt dafür.

Im windstillen Teil ist es sehr warm, am Gipfelgrat allerdings wird es windig und immer wieder ziehen Nebelfetzen darüber weg.

Die letzten Meter vor dem 3750m hohen, abgeblasenen Gipfel des Kamal Qosh Goli oder Mt. Sahand:

Wir queren den steinigen Gipfelauschwung mit geschulterten Schi, dann sind wir in einer kleinen Scharte die ich schon beim Aufstieg als möglichen Beginn der Abfahrtsroute ausgespechtelt habe. Was dann folgt ist pure Freude! Der Pulver ist so trocken und locker wie ich ihn selten erlebt habe.

Sieht flacher aus als es war:

Video:

Kaum sind wir beim Auto, zieht es wieder zu und wir schauen, dass wir von unserem Basecamp verschwinden. Wir fahren noch ein paar Kilometer und lassen uns an einem ruhigen Stauseeufer nieder. Zwar herrschen auch hier morgens wegen der Höhe Minustemperaturen, aber alles im erträglichen Bereich. Und in der Sonne ist es eh gleich einmal warm.

17.4.2018
Heute unterbrechen wie die Fahrt zum Frühstück in einem kleinen Dorf, wo gerade Wochenmarkt ist.
Alles sehr, sehr ursprünglich. Hier wird übrigens noch ein Abakus zum Rechnen benutzt (nur die älteren Semester kennen den noch), kein Taschenrechner.

Nächster Stop ist ein alter parthischer Pavillon aus dem 2. Jhd. v. Chr., das beeindruckendste ist die tolle Lage hoch über einem Flusstal, in dem vor unserem geistigen Auge die Kamelkarawanen aus längst vergangenen Zeiten entlangziehen. Wir entdecken einige Ruinen und sehen genau wo Wegezoll verlangt und wo die Händler und ihre Tiere gelagert haben müssen.
Der aussichtsreiche Pavillon selbst ist unter dem Namen Qaleh-ye Zohak bekannt, ausser uns ist nur ein einheimischer Archäologe oder Arbeiter hier.

Max auf der Seidenstrassen-Route …

Wir haben das Gefühl, dass wir uns mit all dem was der Iran Tolles zu bieten hat, unheimlich verzetteln werden. Also geben wir heute noch ein bisserl Gas und machen Kilometer.
Immer wieder Melonen am Strassenrand:

Urplötzlich treffen wir auf eine ausgewaschene Piste mit ordentlichen Schlaglöchern.

War schlimmer als es hier ausschaut!


Wir zockeln eine gefühlte Ewigkeit in halbem Schrittempo weiter, bevor Luxi endlich wieder Asphalt unter den Patscherln hat.
Dann aber ein Highlight, das meiner Meinung nach die gesamte Anreise schon lohnt: Wir sind umgeben von bunten Hügeln, noch viel schöner als die bei Tabris.

Hier lässt sich schnell ein feines Nachtplatzerl finden…

18.4.2018
Wir gönnen uns einen halben Ruhetag, natürlich nicht ohne Erforschen der traumhaften, schon steppenartigen Umgebung. Ich fühle mich so richtig angekommen im Orient.
Am frühen Nachmittag zockeln wir dann gemütlich weiter und immer wieder ergeben sich herrliche Ausblicke in diese fast völlig einsamen Landschaften.

Nur ab und zu sehen wir Reisfelder und Bauern die in der Flussebene im Schlamm die Reissetzlinge ausbringen. Die Gegend ist sehr wasserreich.

Abends erreichen wir nach viel auf- und ab auf guten Landstrassen endlich die Sadt Zanjan/Zandschan. Wir sind hier wieder an der Hauptverbindungsstrasse nach Teheran. Am appetitlichen Basar decken wir uns mit herrlichem Obst ein.

Hier geht’s weiter zum Teil 6 des Reisetagebuches.

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One Response to Iran 2018 Teil 5: Zwischen Tabris und Zandjan

  1. Josef Krallinger says:

    Do kriag i ja longe Zähnd 🙂
    Weil Momentan …. 🙂
    Viel Spaß und Gutes Essen vom Häuslbauer

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